Von Hans-Joachim Müller

Was gäbe es noch zu malen, nachdem er nun alles gemalt hat? Das gemeine Leben hat er gemalt und den gemeinen Tod. Das Neugeborene mit der abgeklemmten Nabelschnur und die verstümmelte Leiche. Die intakte Landschaft bei Dresden und die kaputte in Flandern. Krüppel hat er gemalt und Bonvivants. Die Nacht und den anbrechenden Tag. Die Sterne am Himmel und den Ekel auf Erden. Alles hat der Maler schon gemalt. Fast alles. Nur Lot und seine Töchter hat er noch nicht gemalt. Also malt er Lot und seine Töchter. Und die unzüchtige Tochter auf seinem Bild sieht aus wie eine pfälzische Weinprinzessin, und der unzüchtige Vater gerät ihm zum schrötigen Gesell aus einer Geschichte von Peter Rosegger. Und Lot und seine Töchter trinken roten Wein und haben es nett miteinander, und hinten brennt die sündige Stadt. Und dann zieht ein Gewitter über dem Bodensee auf. Und der Maler malt das Gewitter. Und später wird er den heiligen Lukas malen und den heiligen Christopherus und den heiligen Antonius. Und dann den Dichter Max Frisch. Und dann sich selbst mit der Enkeltochter. Und dann malt der Maler nichts mehr.

Was in Wahrheit hat der Maler Otto Dix gemalt? Was hat er malen wollen? Wofür stand er malend ein? Was ging ihn an? Wir wissen es bis heute nicht. Auch nicht, erst recht nicht nach der großen retrospektiven Ausstellung, die im Jahr seines hundertsten Geburtstags von der Galerie der Stadt Stuttgart mit einigem Bühnenaufwand eingerichtet worden ist. Für das "Großstadt"-Triptychon haben sie eine schwarze Riesenruine gebaut, an der die Gelb- und die Rottöne des Bildes bengalisch flackern. Später, wo die Ausstellung durch die dreißiger und vierziger Jahre zügig zum Werkende führt, halten einen Mauerreste aus Gips und Pappmaché auf dem kiesunterlegten Plattenweg. Und es knirscht ein wenig unter den Füßen, während man der Schwangeren auf ihren blaugeäderten Bauch sieht. Und es scheint fast, als trauten die Dix-Feiern dem alten Bilderzauber nicht mehr ganz. Als brauchten all die Blasphemien, die Sensationen des Grauens und der schieren Harmlosigkeit längst etwas theatralische Unterstützung, um noch einmal das heiße Entsetzen auszulösen, auf das sie immer aus waren. Aber es ist kühl geworden um die Bilder des Malers Dix.

Kühl wie drüben, in Bad Frankenhausen, im Bauernkriegsheiligtum des alten SED-Staats. Wo Werner Tübke im Weiherund als virtuoser Bildspekulant auftrumpft. Der ganz in der imitatio Dix pictoris die Altmeisterattitüde nutzt, um sich gleichviel anzudienen wie zu entziehen. Der den Augenzeugen mimt, den Chronisten und Zeitgenossen des auf Zeit und Ewigkeit verworfenen Menschentiers, um das verworfene Menschentier doch nur mit seinem molluskenhaften Manierismus durch Zeit und Ewigkeit zu treiben. Der sich auf 130 Laufmetern noch einmal zum Malerfürsten stilisiert und mit Malerfürstenautorität der Frage ausweicht, was in Wahrheit er denn da gemalt hat, was er malen hat wollen, wofür er einsteht, was ihn angeht.

Die ehemalige DDR hat am Werk von Otto Dix die "sozialkritische und friedensstiftende Kraft" gerühmt. Der Maler wurde zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt, mehrfach für den Nationalpreis vorgeschlagen. Und er hat sich in seinem Refugium in Hemmenhofen am Bodensee von den Emissären des anderen Deutschland nicht ungern hofieren lassen. Eine unlängst aufgefundene Aktennotiz meldete gute Erfolge bei der Rettung des Erblassers der engagierten Kunst: "Dix, der nach dem 13. August 1961 unverkennbar Zurückhaltung gegen uns übte und der Zusammenarbeit mit uns aus dem Weg ging, legt jetzt Wert darauf, sein Werk in der DDR zu zeigen und die Kontakte mit uns zu verstärken. Aus seinen Äußerungen ist zu entnehmen, daß er sich in der Bundesrepublik nicht in der richtigen Weise gewürdigt fühlt."

Die Bundesrepublik hat den Maler vielleicht nicht in der richtigen Weise, aber doch allemal inständig gewürdigt. In den Realismusdiskussionen galt er als das unbestechliche Röntgenauge seiner Epoche, als malendes Gewissen der Weimarer Republik, das mit seinen erbarmungslosen bildnerischen Mitteln soziale Widersprüche enttarnt und mit feinsten Antennen die hohltönende bürgerliche Wohlanständigkeit verortet habe. Dem zurückliegenden Krieg hatte er eine Reihe seiner auffallendsten Bildarbeiten gewidmet, die die Nazis als "gemalte Wehrkraftzersetzung" aus den Museen verbannten. Soweit sie nicht schon (wie im Fall des verschollenen "Schützengraben") von furchtsamen Museumsleuten in Akten vorauseilenden Gehorsams magaziniert worden waren. In den Kampfjahrzehnten der Nachkriegsabstraktion schließlich schien Dix ein ziemlich einsamer Garant unbeugsamer Gegenständlichkeit. Die Peinlichkeiten seines Alterswerks wurden ihm meist verziehen. Und zuletzt entdeckten die Interpreten noch den Nietzscheaner Dix, die schauerlichen Dionysien eines Malers, der seine Wahrheiten weit draußen, im außermoralischen Draußen gesucht habe, wo eben das Grauen und die Lust am Grauen untrennbar zusammenlägen.

In den Krieg ist Dix als Freiwilliger gezogen. Das unterschied ihn nicht von vielen anderen seiner Generation. Allenfalls, daß er die vier Kriegsjahre überstanden hat. Als Führer eines Maschinengewehrzugs in Frankreich und zuletzt in Rußland, wo er, wie Werner Haftmann einmal schrieb, in den "von Granaten aufgerissenen und von Gasschwaden giftig überzogenen Leichenwüsteneien zu überleben hatte". Wo er, wir dürfen ergänzen, das Schreckbild der Leichenwüsteneien mitgestaltet hat. Und wo sich dem Kriegskünstler Motive boten für Hunderte von Zeichnungen und Aquarellen, für Tagebücher und illustrierte Feldpostkarten. Minentrichter werden da zu "Augenhöhlen der Erde". Erdwälle "schaukeln wie Meereswogen". Der Stellungskrieg ist "langweilige Viecherei". Und die Granaten schlagen ein "voll elementarer Wucht". Ein Aufenthalt in der Vorhölle? Eher Rapport von einem grausigen Idyll. Mitgefangen in der Orgie der Gewalt, der Zerstörung, des zahllos gewordenen Todes, hat das Künstler-Ich offensichtlich keine Kraft, ein entsetztes, gar ein kritisches Verhältnis zu seinen Erlebnissen zu bekunden.