Massengesellschaft im Autowahn – eine Minderheit steigt aus

Von Norbert Kostede

Zwei Daten über den Zustand unserer Demokratie, In Frankfurt werden in den nächsten Tagen 1,5 Millionen Besucher auf der Internationalen Automobil-Ausstellung erwartet. In Hamburg blockierten mehrere hundert Menschen in den vergangenen Wochen eine Straße, auf der ein kleines Mädchen unter den Rädern eines Lastwagens zu Tode gekommen war. Solche Vergleichszahlen sind wichtig. Denn in der Politik herrscht die Mehrheit und also, trotz aller Proteste, das Auto.

Demonstrationen nach dem Tod der neunjährigen Nicola sind ohnehin eine Ausnahme. In einem Land mit 520 000 Verkehrstoten seit 1953, in einem Land, in dem es bald keine Straße mehr geben wird, auf der nicht schon ein Mensch sein Leben lassen mußte oder zum Krüppel gefahren wurde, geht es meist nach dem gleichen Muster zu: Schrecksekunden mit Blaulicht und Sirenen, professionelles Abräumen der Trümmer und Splitter – spätestens nach einer Stunde rollt der Verkehr wieder wie zuvor. Zuweilen steht jemand verloren am Rande, ein Taschentuch in der Hand, und starrt auf einen langsam verblassenden Blutfleck.

"Warum mein Kind?" – Die Mehrheit schweigt betreten. "Das ist der Preis der individuellen Mobilität", flüstern einige. "Wir brauchen intelligentere Verkehrssysteme", sagen die Ingenieure und Stadtplaner. "Schluß mit dem Autowahn!" skandieren die Umweltschützer, "Öko-Auto", hallt es aus den Chefetagen der Industrie zurück.

Auf der Frankfurter Messe will jeder Autohersteller zumindest in einer Zukunftsdisziplin der erste sein. Raffinierte Leit- und Informationssysteme werden präsentiert, Rundum-Sicherheitskarosserien und Elektroautos, Recyclingstoßstangen und umweltfreundlicher Wasserlack. Das Motto der Ausstellung lautet "Mobilität und Verantwortung" – ein großes Thema.

Das breite Publikum freilich, um neue Besucherströme aus dem Osten angeschwollen, stimmt mit den Füßen ab. Auch in diesem Jahr wird sich der Rummel um Luxusdesign und PS-Zahlen drehen, um den Sechs-Sekunden-Sprint von null auf hundert, um Höchstgeschwindigkeiten ab zweihundert. Der Trend zur Hochmotorisierung ist ungebrochen: Sechszylinder im neuen Golf, Turbolader im Opel-Calibra, Mercedes der S-Klasse mit 408 PS. Diese lackierten Kampfhunde aus dem In- und Ausland, von allen Fans bestaunt, werden den Rest der Ausstellung auf das Niveau "interessanter Öko-Studien" degradieren.