Von Michael Schwelien

Miami, im September

Da sitzt er nun, der ehemalige maximo jefe Panamas, klein, das vernarbte Gesicht in Akten vergraben, nur selten aufmerksame, mitunter feindselige Blicke auf die Zuschauer werfend. Er trägt eine braune Uniformhose und ein khakifarbenes Hemd, auf den Schulterstücken vier Generalssterne. In der ersten Reihe hinter der Anklagebank haben seine Frau Felicidad und seine drei Töchter Platz genommen. Einem panamesischen Fernsehreporter schiebt er eine Notiz zu, bittet darin, einen Prozeßbeobachter des Roten Kreuzes zu holen. Darauf habe er ein Recht als Kriegsgefangener.

Trotz Familie, Verteidigern und des einen oder anderen hilfsbereiten Journalisten steht Noriega ganz allein vor Gericht. Die Akte "United States versus Manuel Antonio Noriega" bezeichnet nicht nur ein Gerichtsverfahren; der Fall "Vereinigte Staaten gegen Noriega" ist die strafrechtliche Fortsetzung der Invasion Panamas, die den militärischen Kodenamen "Operation Gerechte Sache" trug. Daß des Generals Schicksal schon fast besiegelt ist, scheinen auch die wachhabenden US-Marshalls verinnerlicht zu haben. Auf den Ausweisen, die sie täglich den zehn zum Prozeß zugelassenen Reportern aushändigen, steht nicht "U.S. v. Manuel Noriega", sondern "U.S. v. Manual Noriega". Eine kleine Unaufmerksamkeit. Manual bedeutet Handbuch oder von Hand zu bedienen.

Angeklagt ist der nunmehr handhabbare Diktator allein wegen Rauschgiftdelikten. Insgesamt zehn Fälle von Kokainhandel, des Waschens von Drogengeldern und der Bandenbildung zwecks Rauschgifthandels legt die Staatsanwaltschaft ihm zur Last. Sie könnten ihm eine Strafe von 145 Jahren Gefängnis einbringen. Und noch bevor das langwierige Procedere der Geschworenenauswahl beginnt – zwölf Unbefangene müssen gefunden werden –, beseitigt die Staatsanwaltschaft ein letztes Prozeßrisiko. Daniel Miranda, der einzige verbliebene von sieben Mitangeklagten Noriegas, steht auf und bekennt sich schuldig, im Mai 1983 für den General 800 000 Dollar an Drogengeldern von Florida nach Panama geflogen zu haben.

Plea bargaining, das Aushandeln eines Schuldspruchs: Miranda verspricht, mit der Anklagebehörde zu kooperieren und gegen seinen früheren Boß auszusagen. Die Staatsanwaltschaft sichert ihm im Gegenzug zu, eine Strafe von nur dreißig Monaten zu fordern. Darüber wird ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen. Miranda wird gegen Kaution aus der Haft entlassen. Als freier Mann durchschreitet er die Schranken des Gerichts. Dabei kann er sich ein breites Grinsen in Richtung Noriega nicht verkneifen. Die Staatsanwaltschaft hat sieben solcher Kronzeugen an der Leine. Sollten sie Noriega doch nicht in der von ihr gewünschten Form belasten, wären die Absprachen hinfällig. Die Ankläger könnten für jeden der Exkumpane wieder die Höchststrafe fordern.

Das ist übliche Praxis in den USA. Die große Mehrzahl der Fälle wird so gelöst: Erst handelt die Staatsanwaltschaft für die Nebenangeklagten bargains – wörtlich: Sonderangebote – aus, dann reduziert sie die Strafvorwürfe gegen den Hauptangeklagten auf die mit Hilfe der neugewonnenen Zeugen beweisbaren Fälle. Der Hauptangeklagte steht dann mit schlechten Karten vor Gericht.