Von Heinz-Günter Kemmer

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) – sonst ein Muster an Verläßlichkeit – lag völlig daneben: "Wogen des Unmuts, wenn nicht der hellen Empörung" hatte sie für die Gläubigerversammlung der Omni-Gruppe vorausgesagt. Doch die vom Schweizer Omni-Gründer Werner K. Rey Geprellten reagierten mit beinahe stoischem Gleichmut auf die Hiobsbotschafen, die ihnen der zum Vergleichsverwalter bestellte Franz Müller gemeinsam mit seinen Kollegen von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Coopers & Lybrand präsentierte.

Nur knapp zur Hälfte war der Kursaal von Bern am Mittwoch vergangener Woche gefüllt. Die als Zuschauer eingeladenen Omni-Aktionäre, deren Papiere durch den Zusammenbruch des Reyschen Kartenhauses wertlos geworden sind, hatten auf der Empore Platz genommen. Daß sich die smarten Damen und Herren im Parkett ruhig verhielten, war noch zu verstehen – sie hatten als Bankangestellte schließlich nur die Interessen ihrer Institute und Kunden zu vertreten. Von den Aktionären selbst jedoch hatte sich wohl nicht nur die NZZ mehr versprochen.

Da sind deutsche Aktionäre doch aus anderem Holz geschnitzt: Auf der Hauptversammlung der in den Sog der Rey-Pleite gezogenen Harpener AG in Dortmund am 22. August gab es krawallähnliche Szenen. Dabei kommen die Harpener-Aktionäre noch glimpflich davon. Ihr Unternehmen geht aus der Ära Rey zwar ein wenig gerupft, aber keines weg angeschlagen heraus. Ein bißchen Kurseinbuße, ein bißchen Dividendenausfall – was wiegt das schon im Vergleich zum Totalverlust der Omni-Aktionäre?

Die Harpener-Aktionäre machen sich überdies noch Hoffnung auf Nachbesserung. Die Dortmunder Gesellschaft meldet Ansprüche gegen ihren einstigen Großaktionär Rey an; im Vergleichsverfahren, das auch in einem Konkurs enden könnte, tritt sie als Gläubiger auf. Die Höhe der Vergleichsquote hängt davon ab, zu welchem Preis die von Omni verpfändeten Harpen-Aktien verkauft werden können. Im schlimmsten Fall kann es nur 13 Prozent geben, im besten allerdings auch 51. Schon bei einer mittleren Variante von 29 Prozent müßten die verpfändeten Harpen-Aktien für mindestens 412 Mark je Stück verkauft werden können: So viel braucht man, um ohne Verlust aus der Verpfändung herauszukommen. Derzeit notiert das Papier aber nur mit gut 300 Mark, und der Omni-Vorstand, der nach Schweizer Recht die Geschäfte trotz des Vergleichs weiterführt, hat nicht unbegrenzt Zeit, auf einen Kursanstieg zu warten.

Der gerichtlich bestellte Vergleichsverwalter Franz Müller rechnete den Gläubigern nämlich vor, daß für die mit den Harpen-Aktien verbürgten Kredite Tag für Tag 270 000 Mark Zinsen zu zahlen sind. Auf ein Jahr hochgerechnet fehlt nicht viel an hundert Millionen Mark. Da müssen die Fünftklassgläubiger – sie haben keine besicherten Forderungen – darauf hoffen, daß sich gleich zwei oder mehr Interessenten um das Aktienpaket balgen und dabei den Preis nach oben treiben. Und auch das zweite Aktienpaket aus dem Nachlaß der Omni – dreißig Prozent des von Müller als "Perle der Schweizer Industrie" bezeichneten Maschinenbaukonzerns Sulzer – wird derzeit an der Börse nicht so bewertet, wie Müller es für angemessen hielte.

Letztes Licht in die Omni-Affäre brachte der Vortrag von Müller und seinen Kollegen nicht. Die "stark vereinfachte Darstellung" war noch verwirrend genug. Das Rey-Imperium – ein Konglomerat von rund hundert Firmen in der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und der Karibik – ist dermaßen verschachtelt, daß wohl auch sein Schöpfer nicht richtig durchblickte. So nannte Müller in einem Katalog von zehn Gründen für den Untergang des Rey-Konzerns die "außerordentlich komplizierte rechtliche Gruppenstruktur" und den Einsatz "neuer Finanzierungsinstrumente" an erster und zweiter Stelle.