Manager und Führungskräfte sind im Urlaub andere Menschen. Egal wie arbeitswütig und konservativ sie im Berufsleben auch sein mögen, auf Ferienreisen verlieren sie ihre Hemmungen und sind insgesamt gelöster – das gilt auch für das Sexualleben. Zu diesem Ergebnis kommt die Freizeit-Studie "Time Off: The Psychology of Vacations", die das New Yorker Meinungsforschungsinstitut Research & Forecast Inc. für den amerikanischen Hyatt-Konzern angefertigt hat. Hyatt betreibt Hotels und Urlaubskomplexe auf der ganzen Welt.

Von den 250 männlichen und ebenso vielen weiblichen Managern, die telephonisch befragt wurden, behaupteten 91 Prozent, daß sie im Urlaub freundlicher seien als sonst. 80 Prozent sind angeblich kontaktfreudiger, 72 Prozent sportlicher, 68 Prozent freizügiger. 60 Prozent der Befragten sagen, das Sexualleben verbessere sich im Urlaub dramatisch. Sie geben an, ihre Hemmungen zu verlieren, beschreiben sich als "draufgängerischer" (55 Prozent) und "bereit, mehr aufs Spiel zu setzen" (53 Prozent).

Der Urlaub dient aus der Sicht der Bosse jedoch nicht nur dem Vergnügen. Die freien Tage und Wochen gelten vielmehr als unerläßlich, um beruflichen Verschleiß zu vermeiden. Immerhin fast die Hälfte der Manager gaben zu, Arbeit mit in den Urlaub zu nehmen. Bei dieser Gruppe muß der Partner gegen Diktiergerät und Laptop-Computer um Aufmerksamkeit ringen. Auch von fernen Stränden bleibt der telephonische Draht zur Chefsekretärin nicht selten so heiß wie die Urlaubssonne. "Für diese Leute ist es viel besser, Arbeit mitzubringen und mit dem Büro in Verbindung zu bleiben, als sich die ganzen Ferien über Sorgen zu machen", meint der Psychologe Howard Glazer, der Hyatt berät.

Wenn die Bosse ihre dunklen Anzüge gegen Bermudashorts getauscht haben, sind sie der Untersuchung zufolge in fünf Kategorien zu ordnen (das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen).

  • Die Power-Player: Ihnen fällt der Übergang von der Arbeit zum Spiel besonders leicht. Sie bleiben mit dem Büro in Verbindung und empfinden das nicht als,störend. Auch im Urlaub bleiben Power-Player gelassen und zuversichtlich, sie entspannen sich, werden aber nicht sportlicher oder kontaktfreudiger. Da diese Gruppe (21 Prozent der Befragten) Berufs- und Freizeitwelt gut kombinieren kann, stellt sich nach dem Urlaub keine besondere Verbesserung in der Arbeitsleistung ein.
  • Die Streßbekämpfer: Sie fühlen sich regelrecht berufen, im Urlaub den Streßpegel zu senken. Streßbekämpfer treiben aggressiv Sport, geben sich extrem gesundheitsbewußt und bevorzugen Ferien, die ihren Lebensstil möglichst wenig beeinflussen. Diese ebenfalls 21 Prozent große Gruppe der Befragten legt im Urlaub keinen Wert darauf, Bekanntschaften zu schließen oder Land und Leute kennenzulernen.
  • Die Flüchtenden: Trotz ihres beruflichen Erfolgs sind sie mit ihrer Arbeit unzufrieden. Sie machen sich Sorgen um ihre finanzielle Sicherheit und betrachten die Ferien als eine Gelegenheit, diesen Umständen zeitweilig zu entfliehen. Im Urlaub vergessen die Flüchtenden ihre Diät, trinken mehr und fühlen sich sexuell freier. Aber selbst diese Umstände halten sie nicht davon ab, sich über den Beruf, die Familie und das Eigenheim Sorgen zu machen. Jeder vierte der befragten Manager gilt als Flüchtender.
  • Die Vergnügungssüchtigen: Diese 13 Prozent umfassende Gruppe versteht Urlaub als Ergänzung eines zufriedenen Arbeitslebens. Ferien sollen vor allem Spaß bieten. Vergnügungssüchtige – häufig verheiratete, kinderlose Frauen – haben sich vorgenommen, ihre freien Tage zu genießen, sie teilen Urlaubsfreuden mit Freunden, sie werden kontaktfreudiger, sind sportlich aktiv und glauben, daß die Ferien auch ihren Ehen guttun. Völlig entspannt kehren sie an den Arbeitsplatz zurück, so daß sich ihre Arbeitsleistung vorübergehend verbessert.
  • Die Plänemacher: Sie sind fest überzeugt, daß eine Reise um so besser wird, je mehr Zeit und Mühe man für deren Planung aufwendet. Mehr als sechs Monate im voraus fangen Plänemacher (19 Prozent der Befragten) durchschnittlich mit den Reisevorbereitungen an. Sie schmieden sogar Pläne für die meisten Tagestrips. Nach dem Hyatt-Raster sind sie die "typischen Touristen".

Die Studie gibt dem Auftraggeber wichtige Hinweise für die Planung neuer Projekte. Die Erkenntnisse über die Vorlieben und Ansprüche von Managern im Urlaub sollen bei der Gestaltung neuer Urlaubskomplexe berücksichtigt werden.

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung faßte Streß-Psychologe Glazer – ganz im Sinne des Urlaubs-Konzerns – so zusammen: "Was immer man auch tut, man sollte nicht zu Hause bleiben. Denn: Auch wer sich nur entspannen will, ist zu Hause von alltäglichen Streßsignalen, zum Beispiel ungelösten Familienproblemen, umgeben."

Leonard Hill