Von Karl Markus Michel

Da war jemand in der Oper, im "Boris Godunow", und wundert sich am folgenden Tag: Welche Ähnlichkeit! Welche Übereinstimmung nicht allein im Schauplatz, sondern auch in den Rollen und Motiven, bei den Bojaren, beim Zar, beim Volk. Nur ohne Musik, versteht sich. Aber die hatte man ja im Ohr. "Da droht Verrat und dort ein offener Aufruhr! / Hunger, Pest und schreckliche Verwüstung! / Wie ein wildes Tier schleicht das Volk, / Das verseuchte, verhungerte [...] Armes Volk! Armes Land! /[...] Für alles klagt das Volk mich an, für alles wird der Zar / Von allen verflucht", grämt sich der Zar, ein Bariton.

Kein Wunder, daß Fürst Schujskij und andere Bojaren "heimlich sich versammeln / Und geheime Reden führen" – über einen anderen Zaren, den falschen Demetrius, und einen anderen Glauben, der besser bindet. Und es nutzt dem Selbstherrscher gar nichts, daß er, die Verschwörung ahnend, diesen Schujskij ansingt: "Du Rädelsführer hirnverbrannter Menge, / Du Oberhaupt rebellischer Bojaren [...] / Feiger Schuft, dreifacher meineidiger Schurke, / Schlauer Heuchler du, Speichellecker, Verräter [...]" In der Oper hat eben alles mehr Glanz als im Leben. Das gilt auch für die Menge, die vielstimmig dröhnt: "Heida! Frei und ledig ihrer Fesseln / Stürmisch bricht sich Bahn des Volkes Kraft. / Flammend lodert auf glühendheiß sein Blut. / Aus der Tiefe steigt empor seine allgewalt’ge Kraft [...]/ Hei, du Kraft, du unbänd’ge! / Hei, du Kraft, du gewaltige!" Und so weiter, sehr laut, denn hei!, das Ende ist schon nahe, ein neuer Zar besteigt den Thron, aber nicht der falsche Demetrius, und nicht der falsche Glaube.

Solche Übereinstimmungen von Leben und Oper verleiten uns freilich nicht dazu, die beiden gleichzusetzen, es sei denn, daß die Geschichte sich zum Libretto rundet. Früher scheint sie das viel öfter getan zu haben als heute. Edmund Burke, der englische Kommentator der Französischen Revolution, schrieb 1790, fast lüstern, Geschichte bestehe zum größten Teil aus "Schilderungen des mannigfachen Elends, welches Stolz, Ehrsucht, Geiz, Rachgier, blinde Lust, Empörungsgeist, Heuchelei, ausschweifender Eifer und das ganze Herr der ungezügelten Neigungen über die Welt gebracht hat" – als spräche er von der Oper. Damals galt historia noch als magistra vitae, drum griffen selbst die Sansculotten zur römischen Toga, um "in dieser altehrwürdigen Verkleidung [...] die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen", wie Marx mit seinem Instinkt für das Welttheater es sah.

Das ist heute vorbei, bedeuten uns die Geschichtswissenschaftler; die Historie lehrt nichts mehr, denn die Geschichte walzt alles nieder, was einmal, kulturell veredelt, exemplum virtutis war. Oder können wir uns vorstellen, daß etwa die damals entstandene Oper "La clemenza di Tito", die gleichfalls von einer Verschwörung handelt – "Oh nero tradimento, / Oh giorno di dolor!" –, einem heutigen Titus oder Michail als Muster dient? Nur die hehrsten Gefühle läßt Mozart hier Ton werden, in Sopran und Tenor – außer bei Vitellia, der Anstifterin des ganzen Wohllauts. Auf unseren Fall übertragen, liefe die Handlung etwa so: Raissa, in ihrer Selbstliebe von Michail tief verletzt, stiftet dessen Freund Janajew an, Michail aus dem Weg zu räumen. Aus reiner Liebe zu Raissa greift Janajew zum Dolch. Als der Anschlag mißlingt, schenkt Michail nicht nur dem Freund das Leben, er verzeiht auch Raissa, die aber eine Lähmung davonträgt.

Wir sehen gleich: Das haut nicht hin. Das Deutungsmuster cherchez la femme das früher so viel Sinn stiften durfte, ist heute hoffnungslos veraltet. Die Frauen spielen in den Weltläuften keine wichtige Rolle mehr, nur noch als Callgirls oder Stasi-Agentinnen, doch das ist ein schlüpfriger Stoff, er taugt nicht für jene Passionen, aus denen man große Arien und Verschwörungen formt.

Diese Entpassionierung der Geschichte mag auch daher rühren, daß die "Männer, die Geschichte machen", dies heute in weit höherem Alter tun als einstmals. Vergleichen wir nur die Moskauer Achterbande mit Sesto in Mozarts "Titus": ein Milchbart, Sopran! Oder nehmen wir Schillers "Verschwörung des Fiesco zu Genua": dreiundzwanzig ist Fiesco, so alt wie sein Autor damals, und auch Doria und Julia sind Twens. Wird hier eingewendet, man dürfe doch die Realität nicht an der Phantasie messen? Eben. Das Leben ist kein Theater mehr, die drei Tage von Moskau waren keine Oper. Oder erst nachträglich. Erst als der anfangs so bedrohlich erscheinende Staatsstreich gescheitert war, kam er uns als Theater vor, als Schmierenstück. Plötzlich – in solchen Situationen sind ja gewisse Ausdrücke ansteckend – hatten mehrere Kommentatoren das Wort "Operettenputsch" im Mund.