Von Thomas Kleine-Brockhoff

Die Stimme des Westens spricht amerikanisch und ist jeden Tag auf Ultrakurzwelle zu empfangen. "You are listening to Radio Rox, 102 FM, your Rock-music Station in Riga, with the latest hits from the U.S. charts."

Die Stimme des Westens spricht deutsch und ist im Bistro eines Hamburgers in der Altstadt von Riga zu hören. Er bietet wahlweise Astra und Jever Pilsener an, in harter Währung versteht sich. Die lettischen Nachbarn können sich mit einem Monatslohn ein Ochsenfiletsteak für 24,50 DM und zum Nachtisch Hamburger Rote Grütze für 6,5o DM leisten.

Die Stimme des Westens spricht schwedisch und ist in einem Haus zu vernehmen, vor dem neuerdings "Ambassad Sverige" steht. "Lettland wird ein wunderbarer Handelsplatz", sagt der Diplomat. "Es liegt nahe an den westeuropäischen wie den osteuropäischen Märkten, hat aber ein afrikanisches Lohnniveau."

Die Stimme des Westens spricht französisch und gehört Roland Dumas, dem Pariser Außenminister. Er redet bei seinem ersten Besuch in einem drei Wochen alten Staat gleich über einen Assoziierungsvertrag mit der Europäischen Gemeinschaft und legt am lettischen Freiheitsmonument Blumen nieder. Vor kurzem stand gegenüber noch ein weiteres Denkmal, ein bronzener Herr mit wehendem Mantel, nach Osten weisend. Lenin ist jetzt weg, nur die lettische Freiheitsstatue steht noch. Sie blickt nach Westen.

Die Stimme Lettlands spricht, natürlich, lettisch, und zwar aus einem Hutzelhäuschen in der Altstadt Rigas. Dort, im Hauptquartier der regierenden "Volksfront", findet sich immerhin jemand, der nach Osten blickt. Es ist der Wirtschaftsexperte im Vorstand, Aivars Bernans. Ja, ja, wir sind jetzt unabhängig und euphorisch, und wir galoppieren westwärts", sagt er, in der winzigen Teeküche sitzend. "Aber wirtschaftlich sind wir vom Osten umklammert. Wenn Rußland hustet, fällt Lettland um." Und daß die Modernisierungskrise des Ostens nur als leichtes Hüsteln daherkommen wird, erwarten in der Rigaer "Volksfront"-Zentrale nicht einmal die wenigen frohgemuten Nationalisten.

Entflechtung also? Eine Art Autarkie-Programm, um die lettische Wirtschaft gegen die russische Krankheit immun zu machen? "Geht gar nicht, jedenfalls nicht kurzfristig", sagt Bernans. Zusammen mit anderen "Volksfront"-Politikern hat Bernans den Zahlensalat der sowjetischen Statistiken gesichtet. Er hat darin die Bestätigung seiner Annahme gefunden, nach der eine abrupte West-Wende undenkbar ist: Lettland hängt am Tropf. Es ist von Rohstoff- und Energielieferungen aus dem alten Sowjetimperium vollständig abhängig.