Im kroatischen Kampfgebiet spricht niemand von Frieden und Versöhnung

Von Michael Schmitz

Osijek, im September Über die Brücke peitschen Schüsse. Hinter Sandsäcken kauern drei kroatische Gardisten. Die Augen fest zusammengekniffen, feuert einer aus einem Maschinengewehr auf die andere Seite. Die Posten sollen verhindern, daß serbische Freischärler und Truppen der jugoslawischen Bundesarmee vorrücken und Osijek einnehmen. Doch die Angreifer operieren aus sicherer Distanz. Sie schießen mit Mörsern, Panzerartillerie, Haubitzen und bombardieren aus der Luft.

Für die Bevölkerung wie für die Nationalgarde gibt es kaum Schutz. Fast jeden Tag liegt Osijek, die größte Stadt in der Region Slawonien, unter schwerem Beschuß. Bomben und Granaten explodieren im Stadtzentrum, sie treffen Krankenhäuser, Schulen, die Kathedrale, Wohnungen. Granaten schlagen durch Dächer und Häuserwände. Jeden Tag fordert der Bürgerkrieg neue Menschenleben. In Osijek töteten Mörsersplitter eine Frau im Schlafe.

Das Krankenhaus ist überfüllt, auf allen Fluren stehen Betten. Ärzte und Schwestern haben größte Mühe mit der Notversorgung. Die Angriffe der vergangenen Tage haben weit mehr Opfer gekostet als alle vorangegangenen Kämpfe. Die Behörden verweigern genaue Angaben über Tote und Verletzte. Offensichtlich fürchten sie, mehr und mehr Menschen könnten erkennen, daß der Krieg für Kroatien nicht zu gewinnen ist.

Zu ungleich sind die Waffen. Manche Gardisten ziehen mit Schrotflinten auf Patrouille. Dabei ist mehr Leichtsinn als Mut im Spiel, vielleicht auch schlicht Hilflosigkeit. In Slawonien ist kaum eine Straße mehr sicher. Vor größeren Orten kontrolliert die kroatische Nationalgarde allenfalls eine Zufahrtsstraße, und selbst dort muß sie ständig damit rechnen, aus dem Hinterhalt von serbischen Scharfschützen beschossen zu werden.

Zwar verspricht die Regierung in Zagreb bessere Waffen, aber die Ausrüstung der kroatischen Truppen ist kläglich. An einer Straßensperre vor Vinkovci stehen die Posten mit Kalaschnikows. Außerdem haben sie nur ein paar Minen und selbstgebastelte Handgranaten in ihrem Arsenal.