Von Wolfgang Gehrmann

Köttbullar. Wer nach den Grundlagen des schwedischen Gesellschaftsmodells sucht, muß am Ende zwangsläufig auf Köttbullar kommen. Kugelrund, zwei Zentimeter im Durchmesser, leicht elastisch, zu 75 Stück im 600-Gramm-Plastikbeutel, auf dem als Zutaten angegeben sind: nötkött, fläskkött, lök, potatismjöl, skummjölkspulver, sojaprotein, potatisflingor, ströbröd, sah, Proteinhydrolysat, kryddor.

Fleischbällchen, vorgebraten, tiefgefroren. Inmitten einer Fülle weiterer Fertiggerichte liegen sie in den überdimensionierten Kühltruhen, die das Zentrum jedes Dorfkonsums und jeder Lebensmittelabteilung im Warenhaus bilden – Schreine einer hochrationalen Wohlfahrtsgesellschaft. Tiefkühlkost ist für Schweden wichtiger als Elche oder Eishockey, denn 85 Prozent aller Frauen haben hier wenig Zeit zum Kochen. Sie sind berufstätig – und noch immer ist diese hohe Quote unter allen Eigenheiten der schwedischen Gesellschaft das hervorstechende Merkmal.

Auf teure Fertiggerichte – jene 600 Gramm Köttbullar sind nicht unter 51 Kronen und 90 Öre (14,53 Mark) zu haben – kann deshalb auch das staatliche Verbraucheramt Konsumentverket in seinem sparsamen Vierzehn-Tage-Menü nicht verzichten, das es neuerdings all jenen Haushalten empfiehlt, denen angesichts drastisch steigender Preise das Geld zum Leben knapp wird. Auf dem detaillierten Speiseplan der Freudlosigkeit fehlen Bier und Wein genauso wie Kuchen und Süßigkeiten. Gleichwohl sind diese Lebenshilfen sehr gefragt. Die Schweden sorgen sich um ihren Wohlstand.

Am kommenden Sonntag wählen sie den Reichstag neu. Beflügelt von Prognosen, sie könnten die seit 1932 mit kurzer Unterbrechung regierenden Sozialdemokraten schlagen, haben die bürgerlichen Oppositionsparteien die Wahl zur Grundsatzentscheidung über den schwedischen Wohlfahrtsstaat stilisiert. Düstere Konjunkturgutachten – kein Wachstum in diesem Jahr, zehn Prozent Inflation und auf drei Prozent steigende Arbeitslosigkeit – nähren die Zweifel, ob sich die teuren Sozialleistungen weiter bezahlen lassen. Und der Wunsch der Regierung unter Ingvar Carlsson, der Europäischen Gemeinschaft beizutreten, läßt die Bürger fragen, ob die Anpassung an Mitteleuropa sie über kurz oder lang zwingt, ein Modell Schweden aufzugeben, das jahrzehntelang Mythos und Mekka der europäischen Sozialdemokratie gewesen ist.

Im "Volksheim" hatte die Versöhnung von Kapital und Arbeit völlige soziale Sicherheit und allgemeinen Wohlstand schaffen sollen. Schweden – das war das Vorbild für Willy Brandt, als er zur Wahl 1972 versprach, das "moderne Deutschland" zu schaffen. Und noch vor zwei Wochen pries Michail Gorbatschow, gerade nach überstandenem Putsch von der Krim in Moskau zurück, auf die Reporterfrage, was nun werden solle, den schwedischen Weg und den 1986 ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme als Beispiel.

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