Von Margrit Gerste

Am vergangenen Samstag war Angela Merkel mit Volker Rühe in Cadenabbia. Dort, erinnert man sich dunkel, spielte doch der große alte Mann der Union, Konrad Adenauer, in seinem Urlaub immer Boccia, mit so einem komisch-zerknautschten Hütchen auf dem Kopf. Diese Woche geht die Reise nach Kalifornien: Helmut Kohl will sie dabeihaben, wenn die Universität Berkeley ihn ehrt und er seinen alten Freund Ronald Reagan besucht.

Eine solche Reise, so weiß ein Kollege, der sich auskennt in Bonner Subtilitäten, rangiert im Belohnungssystem des Kanzlers ganz oben. Angela Merkel weiß gar nichts und vermutet, Kohl wünscht die Naturwissenschaftlerin in ihr an seiner Seite. "Runterhängen" ist ihre Devise, bloß keene Aufgeregtheiten, mag die berlinernde Brandenburgerin so bei sich sagen, immer schön eins nach dem anderen. Und was Kalifornien betrifft, so macht sie sich eher Sorgen um die Dauer des Unternehmens – gleich mehrere Tage – und die Übermüdung, mit der sie gleich anschließend in die Fraktionssitzung über den Paragraphen 218 marschieren muß.

Ach Gott, und die Presse wieder heute morgen. Es ist Montag, und nach Lothar de Maizières politischem Ende wendet sie sich auf den ersten Seiten ihrer Erzeugnisse nun ihr zu. "Frau Merkel könnte stellvertretende CDU-Vorsitzende werden", also Nachfolgerin de Maizières, für den der Posten des einzigen Stellvertreters eingerichtet worden war. Sie ist wild entschlossen und natürlich gut beraten, dazu kein Sterbenswörtchen zu sagen. Andere, Prominente, sprechen: Heiner Geißler, Rita Süssmuth, Ulf Fink, Klaus Töpfer, Alfred Gomolka. Sie finden Angela Merkel "eine überzeugende Politikerin", "dynamisch und selbstbewußt" und – "eine Frau". Reine Männerbünde sehen ja heute wirklich ganz alt aus.

Angela Merkel also. 37 Jahre alt, Pfarrerstochter aus Templin, einer Kleinstadt in Brandenburg, Studium der Physik an der Universität Leipzig, Dr.rer.nat. mit Forschungsaufgaben an der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mit dem Ende der DDR beginnt ihr politisches Leben, zunächst im "Demokratischen Aufbruch". Lothar de Maiziere holt sie als stellvertretende Regierungsprecherin. Als hilfreich, leise, präzise wird sie beschrieben. An der Seite von Günther Krause hat sie die Entstehung des Einigungsvertrags miterlebt. Er war es auch, der ihr in seinem Mecklenburg-Vorpommerschen Beritt vor der Bundestagswahl zur Direktkandidatur verhalf. Sie setzte sich gegen zwei Wessis durch, "meine bislang schwierigste Übung", und gewann schließlich den Wahlkreis Stralsund, Rügen, Grimmen mit schönen 48,5 Prozent. Seit August 1990 ist sie Mitglied der CDU, seit Januar dieses Jahres Kohls Ministerin für Frauen und Jugend. Gefragt hat er sie gar nicht erst. Naja. Und daß er das große Haus mit der kleinen Macht dreigeteilt hat, um die Frauen zu bedienen, stört sie auch nicht. Ein Riesenvorzug sei das, sagt sie, so ein kleines Ministerium, "ich will nicht dauernd was. Nur ab und zu ..." Hat sie den Laden im Griff? "Würde ich sagen, ja." Und die Mitarbeiter freuen sich über die Zuwendung der unprätentiösen Chefin.

Ehrlich ist sie: "Frauen und Jugend" haben sie nicht sonderlich interessiert, Wirtschaft findet sie viel spannender, aber inzwischen ist der Pflicht auch Neigung entsprossen, "denn", schmunzelt sie, "worum man sich müht, das liebt man". Sie hat was hübsch Selbstironisches.

Ist Angela Merkel die junge Frau von Helmut Kohl? Die den parteipolitischen Osten sanieren hilft, entschlossen, aber so behutsam, daß daraus nicht ein gefährliches Abbruchunternehmen wird? Schließlich hängt die Union am kraftspendenden Tropf des Ostens. Ist sie das helfende Händchen beim Aufräumen der Blockpartei, die die CDU so innig und unbesehen ans Herz gepreßt hat, um zu gewinnen? Generalsekretär Volker Rühe, der rüpelhaft die Beschäftigung mit den giftenden Altlasten im Osten entfesselt hat, lobt den Abend schon vor dem Tag: "Frau Merkel verkörpert die neue Generation von Politikern aus dem Osten, die die CDU insgesamt stärken."