Nun ist sie endgültig abgeschlossen, Hollywoods Glanzzeit. Mit Frank Capra starb der letzte Altmeister des Kinos, einer jener Hollywood Professionals, die den klassischen Stil der amerikanischen Filmerzählung Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre geschaffen und immer wieder neu geprägt haben.

Man muß da ganz oben ansetzen: beim Entdecken und Erfinden der Bilder selber, als sie ergänzt werden mußten durch Töne – durch Stimmen und Geräusche. Plötzlich war die Wirklichkeit in Gänze duplizierbar. Worüber ganz halsbrecherische Geschichten in Gang kamen: Es gab John Ford und seine mythischen Western, Josef von Sternberg und seine glamourösen Melodramen, Ernst Lubitsch und seine sophisticated comedies, Howard Hawks und seine – durch die Genres hindurch – abenteuerlichen Lobgesänge auf den professionellen Einzelgänger.

Und es gab Frank Capra und seine komödiantischen Märchen des New Deal. Daß die Welt ist, wie sie ist, akzeptierte er nicht. Er propagierte, ungeniert naiv, die ungeheure Kraft des Wunders. Solange es Menschen gibt, die in Ordnung sind, so seine unerschütterliche These, bleibt die Hoffnung, daß auch die Welt wieder in Ordnung kommt. Das Credo seines Kinos lautete: Alles ist im Grunde gut, deshalb ist auch alles möglich.

In "It’s a Wonderful Life" von 1946, seinem wundersamsten und ihm liebsten Film, führt ein Engel dem niedergeschlagenen Helden (James Stewart) vor Augen, was aus seiner Stadt geworden wäre, hätte er nie gelebt. So erkennt er, wie erfüllt sein Leben in Wahrheit ist. Frohen Herzens läuft er daraufhin nach Hause. Wo er, es ist Weihnachtsabend, seine Freunde vorfindet, die dabei sind, all seine Not mit ihm zu teilen.

Daß das Kino zu allem möglichen verführt, daß es einen zum Staunen und Weinen bringt oder in Angst und Schrecken versetzt, das ist seit langem keine Frage. Doch daß es darüber hinaus verzaubert zu glauben, was man sonst nie und nimmer zu glauben bereit wäre, das war die Lektion, die Frank Capra seinen Zuschauern erteilte.

"Glauben Sie an Märchen?" lautet die zentrale Frage in "Lady for a Day" (1933), einer frühen, hinreißend komödiantischen Phantasie über die Dominanz des bloßen Scheins. Eine arme, alkoholsüchtige Straßenverkäuferin: Apple Annie, für jedermann in New York ein kaputtes Weib, gibt sich in Briefen an ihre Tochter in Europa als vornehme Dame von Welt aus. Als die Tochter ihren Besuch ankündigt, in Begleitung ihres adligen Verlobten, gerät sie in Panik.

Aber dann verbünden sich ihre besten Freunde, die durchtriebensten Gauner der Stadt, um ihr zu helfen. Sie errichten eine zweite Welt, inmitten ihres tristen Alltags, eine noble, exquisite, elegante. "Glauben Sie an Märchen?" Die erste Reaktion darauf: erstaunte Mienen ringsum. Doch als die Verwandlung der alten Frau gelingt, scheint alles ganz einfach. "Ein Appartement, ein paar Kleider, und schon läuft die Sache."