Karibik

Von Carl D. Goerdeler

Eure Hoheiten mögen versichert sein, daß es auf dem weiten Erdenrund kein zweites Land geben kann, welches diese Gegenden an Fruchtbarkeit, Milde der Jahreszeiten und am Überfluß guten und heilsamen Wassers übertrifft", schrieb Christoph Kolumbus an die spanischen Herrscher über die Entdeckung der Neuen Welt. Das Paradies auf Erden, das der genuesische Seefahrer auf dem westlichen Teil von Hispaniola anzutreffen glaubte, ist heute eine Hölle, deren Bewohner mit allen Mitteln daraus zu fliehen trachten. Haiti versinkt im Teufelskreis aus Armut und Hoffnungslosigkeit, weil die Menschen fünfhundert Jahre lang die Natur der karibischen Insel zerstört haben. Den tropischen Garten Eden verwandelten sie in eine stinkende, staubige Wüste.

Schon bei der Ankunft in Port-au-Prince wird der Besucher mit Bildern schreienden Elends konfrontiert. Am Rande der Schlaglochpiste, die vom Flugplatz in die Hauptstadt führt, hausen die Menschen unter der erbarmungslosen Sonne in Bretterverschlägen und Pappkartons. Vor sich auf der nackten Erde haben sie ihren Plunder ausgebreitet, den Schrott und die Lumpen, die sie verhökern, oder den kümmerlichen Hausrat, mit dem sie leben. Haiti ist das ärmste Land Lateinamerikas, und daran wird sich wohl nichts ändern; dabei galt es einmal als das reichste von allen.

"La Navidad" hatte Kolumbus die erste Siedlung auf dem Boden von Westindien getauft. Am Weihnachtstag 1492 war er mit seinem Flaggschiff, der Santa Maria, auf ein Korallenriff vor der Küste Hispaniolas aufgelaufen. Aus den Planken des Wracks bauten die Spanier ihre Hütten. 39 Seeleute ließ Kolumbus in La Navidad zurück. Als er ein Jahr darauf erneut die Siedlung aufsuchte, fand er nur noch deren sterbliche Überreste vor. Die Zurückgelassenen müssen sich mit den Guacanagari-Indianern über Weiber und Gold bis aufs Messer zerstritten haben.

Die Spanier suchten in der Neuen Welt nach dem sagenhaften Eldorado und nicht nach einer neuen Heimat, und wenn es in Hispaniola schon keine Schätze gab, so konnte man wenigstens das tropische Hartholz für den Schiffbau schlagen. Als die Franzosen im 17. Jahrhundert den westlichen Teil der Insel den Spaniern raubten, waren Bäume und Indianer bereits stark dezimiert. "Saint-Domingue", wie die Kolonie fortan heißen sollte, war versteppt, die Insel ein Schlupfwinkel für Seeräuber und Freibeuter. Was die Korsaren und Piraten nicht abgeholzt hatten, fiel Herden verwilderter Schweine und Rinder zum Opfer. Immerhin besaß die Erde damals noch genügend Fruchtbarkeit, um den Anbau von Zuckerrohr und Kaffee zu gestatten.

Die französischen Kolonialisten dachten allerdings nicht im Traume daran, selber den Rücken zu krümmen. Sie peitschten viele Tausend schwarzer Sklaven zur Zwangsarbeit auf die Plantagen. Nach fünf oder sechs Jahren galt deren Arbeitskraft als erschöpft, und man ersetzte sie durch "frische Ware" aus Afrika. Das kleine Saint-Domingue versorgte die "Grande Nation" mit Zucker, Kaffee und Kakao. Es galt als Schmuckstück der Karibik. Aber in Wahrheit war durch den Raubbau an der Natur, durch Sklavenwirtschaft und Monokultur längst der Keim zum Niedergang gelegt, lange bevor die schwarzen Leibeigenen sich gegen die weißen Herren erhoben und den ersten souveränen Staat Lateinamerikas, Haiti, ausriefen.