Haitis Loslösung von Frankreich wurde mit einem hohen Blutzoll bezahlt. Nach drei Dutzend Jahren Krieg blieb nur noch verbrannte Erde übrig. Und Frankreich hatte Haiti abgeschrieben. Wer wollte schon mit dieser Negerrepublik Handel treiben? Das jahrhundertelang geplünderte Haiti zerstörte nun den Rest seiner Lebensgrundlage. Die früheren Sklaven dachten nicht daran, zur verhaßten Fron auf die Felder zurückzukehren. Sie wanderten in die Städte ab oder begnügten sich mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft, die zum nackten Überleben reichte. Die kleine Oberschicht der hellhäutigeren Mulatten aber kopierte den aristokratischen Lebensstil ihrer ehemaligen Herren und brachte ihre zusammengerafften Reichtümer schnellstens im Ausland in Sicherheit. An der Natur hielten sich nun alle schadlos.

Die reichen Regenwälder Haitis sind abgeholzt. Nicht einmal drei Prozent des Staatsgebietes sind noch bewaldet. Die Sonne brennt auf verkarstete Berge herunter. In den trocknen Tälern brechen die Bauern den versteinerten Boden auf. Die spärlichen Ernten von Mohrenhirse und Mais reichen schon lange nicht mehr aus, um die Menschen zu ernähren. Haitis Bevölkerung wächst viel schneller als seine Wirtschaft. Acht bis neun Millionen Menschen Übervölkern die Insel.

"L’union fait la force", lautet der Wahlspruch des haitianischen Staatswappens. "Einigkeit und Solidarität sind notwendig, damit wir aus dem Elend herauskommen", predigt auch Jean Bertrand Aristide, der von seinem Orden relegierte Salesianer-Pater, der seit dem 7. Februar als Präsident die Geschicke des Landes lenkt. Der intellektuelle Staatschef glaubt nicht daran, daß Haitis Heil in schrankenlosem Kapitalismus zu suchen sei. Seine sozialdemokratischen Vorstellungen verursachen denn auch in Washington eher Kopfschmerzen. Vor allem aber muß der populäre "Tidid", wie die Haitianer den zierlichen Schwarzen nennen, im eigenen Land die Wunden heilen, die durch die Tyrannen "Papa Doc" Duvalier (Vater) und "Baby Doc" (Sohn) geschlagen wurden. Aristide war nur um Haaresbreite den zahlreichen Attentaten der "Tonton Macoutes", der "Schwarzen Männer", und Schlägertrupps entkommen. Die Duvaliers und ihre Schranzen hatten in den dreißig Jahren ihrer Terrorherrschaft Haiti beispiellos geplündert. 500 bis 800 Millionen Dollar haben sie schätzungsweise auf ihre privaten Auslandskonten verbracht – das entspricht dem Zwei- bis Dreifachen des Bruttosozialprodukts Haitis. Mehr als die Hälfte aller Steueraufkommen und Abgaben verschwanden in den Taschen der korrupten "Präsidenten auf Lebenszeit", bis das Volk sie endlich hinwegfegte. Haiti wird noch Jahrzehnte brauchen, um diesen Raubzug zu verkraften.

Den finanziellen Aderlaß erlitt das Land gleichzeitig mit einem humanen. Zigtausend Haitianer flüchteten vor der Verfolgung in das Ausland, darunter die Besten und Klügsten. Unter den Duvaliers degenerierte Haiti zu einem großen Straflager, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung nur 54 Jahre betrug, jedes vierte Neugeborene noch vor dem fünften Lebensjahr an Unterernährung und Krankheit starb und wo nur eine kleine Minderheit die Schule besuchen konnte. "Hier muß sich etwas ändern", hatte Papst Johannes Paul II. dem feisten "Baby Doc" bei seinem Aufenthalt in Port-au-Prince ins Stammbuch geschrieben, doch der Vatikan hatte selber mit dem Tyrannen ein Konkordat geschlossen und tat wenig, um Haiti zu retten. Auch die Vereinigten Staaten hatten sich mit den Duvaliers jahrelang arrangiert. Narcobosse, Waffenschieber, Autohändler und Juweliere machten die besten Geschäfte mit Haitis blutrünstigen Usurpatoren. Aber Investitionen blieben aus.

Kaffee, Zucker und Südfrüchte exportiert Haiti nur noch in kleinen Mengen. Die durch Erbfolge auf Handtuchgröße geschrumpfen Felder geben nichts mehr her. Haiti muß heute ein Viertel seines Nahrungsbedarfs durch Importe decken. Mit der Ausfuhr von Blutkonserven und Leichen, die wegen ihrer geringen Fettgewebe bei der nordamerikanischen Anatomie begehrt sind, verbessert Haiti seine Handelsbilanz; Volkskunst und Tourismus kommen hinzu und beispielsweise auch Basebälle, die für den amerikanischen Markt im Lohnauftrag von Frauen gefertigt werden. Für den Faktor Arbeit werden in Port-au-Prince nur Pfennigbeträge kalkuliert. Ein halbes Dutzend Montagebetriebe geben ein paar tausend Menschen Arbeit – wenn nicht gerade der Strom ausfällt. Im Grunde hält sich das Land nur dadurch über Wasser, daß 1,5 Millionen Haitianer, die im Ausland leben, an ihre Verwandten in der alten Heimat Geld überweisen.

Umweltzerstörung und Dekapitalisierung haben Haiti zu einem hoffnungslosen Fall gemacht. Wäre seine tropische Natur intakt, könnte die Bevölkerung auch mit wenig Kapital ein auskömmliches Leben finden – so wie in der benachbarten Dominikanischen Republik, wo 400 000 Haitianer als congos oder braceros, also moderne Sklaven, auf den Zuckerrohrfeldern schuften. Santo Domingo braucht deren Arbeitskraft, will aber mit allen Mitteln eine Einwanderung der Haitianer verhindern. Der blinde dominikanische Präsident Joaquin Balaguer hat deshalb Mitte Juni angeordnet, alle Haitianer unter 16 und über 60 Jahren über die Grenze abzuschieben.

Haiti gilt als Paria der Karibik. Gleichwohl zeichnet sich seine Bevölkerung durch besonderen Fleiß und hohe Kreativität aus. Flösse mehr Kapital nach Haiti hinein, könnte es vielleicht so etwas wie ein karibisches Hongkong werden – das jedenfalls hoffen einige Intellektuelle in Paris und New York, den Zentren haitianischer Auswanderer. Doch Haiti hat keine Chance mehr, weil seine natürlichen Ressourcen so gründlich vernichtet worden sind, daß die Insel dem Untergang geweiht ist.

Kolumbus rühmte die klaren Quellen und das frische Wasser des gastlichen Landes. Doch heute haben weniger als ein Viertel aller Haitianer direkten Zugang zu Trinkwasser; der weitaus größte Teil der Bevölkerung muß weite Wege zurücklegen, um an das kostbare Naß zu gelangen, oder aus trüben Quellen trinken. Der einstmals malerische Golf von Port-au-Prince ist heute eine einzige Fäkaliengrube. Jeden Tag fließen 1800 Lastwagenladungen menschlicher Exkremente, in die Bucht. Die Küstengewässer Haitis sind überfischt. Die Bodenerosion hat zur vollständigen Abtragung des Humus geführt, mit jedem tropischen Gewitter werden viele tausend Tonnen Löß in das Meer geschwemmt. Die Mahagoni- und Ebenholzbäume Haitis sind weltweit nur noch in Form von Bartheken und schweren Möbeln anzutreffen. Das letzte bißchen Wurzelholz und Krüppelholz wird zu Holzkohle verarbeitet, Haiti hat sonst keine Energievorräte mehr. Mit internationaler Hilfe werden in Haiti zahlreiche Aufforstungsprojekte versucht. Aber nur die Hälfte der Setzlinge überlebt das erste Jahr, und nur zwanzig Prozent der Bäume, die der Axt zum Opfer fallen, werden durch erfolgreiche Anpflanzung ersetzt. Der resignierte Kommentar eines amerikanischen Entwicklungshelfers: "Man müßte die ganze Bevölkerung für einige Jahrzehnte evakuieren und einen Zaun um Haiti ziehen – nur dann besteht Aussicht, dieses Stückchen Erde je wieder bewohnbar zu machen."