Unterwegs im Apennin der Toskana. Aus dem Autoradio dröhnt rauchiger "italienischer" Blues, der den Takt vorgibt.

Weiter unten am Berg wummern Lastwagenkolonnen über die Betonstelzen der Autostrada E 7 von Sansepolcro nach Perugia. Unsere Route dagegen führt in engen Kurven durchs malerische obere Tibertal. Pisa, Siena und Florenz haben wir längst links liegen, außer acht gelassen, schon vergessen, daß ja der ganze Stiefel eine einzige Kulturfundgrube ist — da springt uns eine gelb schwarze Tafel ins Auge: Citta del diario, "Stadt des Tagebuchs" prangt es neben dem Ortsschild in Lettern so groß wie jene, die den Namen des Städtchens anzeigen: Pieve Santo Stefano. Dem gut 3500 Einwohner zählenden Marktflekken hat es in Italien mittlerweile einige Bekanntheit eingetragen: das Archivio Diaristico Nazionale. Allerdings ist dieses nationale Tagebucharchiv kein staatliches, geschweige denn ein staatlich gefördertes Unternehmen, sondern "nur" die Initiative einer kleinen Gemeinde.

Vor acht Jahren hatte man den (inzwischen pensionierten) Journalistejn und politischen Schriftsteller Saverio Tutino gefragt, ob er nicht eine Idee hätte für ein kulturelles Engagement, das dem Städtchen gut zu Gesicht stünde. Tutino, viel und weit gereister Korrespondent (in Kuba, China und Afrika), war damals wie heute ein passionierter Liebhaber von Memoiren, Autobiographien und Tagebüchern. Wenn es auch Vorliebe war, so doch keine Marotte, die den Einfall diktierte, der unter dem Gütesiegel "Kultur" der Gemeinde als touristisch fetter Köder diente. Vielmehr sind Tutinos zündende Gedanken ganz nah dran an den Menschen. Er glaubte ein in der italienischen Gesellschaft weit verbreitetes Bedürfnis auszumachen: das Bedürfnis, all die schriftlichen Aufzeichnungen einfacher Menschen, der Freunde, der Angehörigen über deren Tod hinaus aufzubewahren.

Der Plan war schnell gefaßt. Gesagt, getan: Seit 1984 leitet Saverio Tutino in Pieve Santo Stefano ein nationales Archiv für unveröffentlichte Tagebücher, Memoiren und Briefe.

Nicht auf die unbekannten Texte prominenter Schriftsteller, die selbst noch bei ihren privatesten Notizen auf eine spätere Veröffentlichung spekulieren, ist man in der Citta del Diario versessen. Das Interesse gilt all den im verborgenen liegenden Dokumenten Normalsterblicher, den nach innen monologisierten Aufzeichnungen, die ungelesen in Schubladen verschwinden, auf Dachböden verschimmeln, von Mäusen zerfressen und spätestens von den Urenkeln bei der allerletzten Haushaltsauflösung zu Heizmaterial oder Containerware gemacht werden.

Heutzutage aber, im Zeitalter des Mikrochips, sollte es möglich sein, sämtliche schriftlichen Spuren der Lebenswege der Menschen zu retten. Gab es bislang überall Archive, die sich ganz bestimmten Themenkreisen widmeten, beispielsweise dem Ersten Weltkrieg oder der Zeit des antifaschistischen Widerstands in Italien, so mißt man hier ohne Einschränkung allem Geschriebenen Bedeutung zu.

Unaufhörlich wächst die Sammlung der Dokumente in Pieve Santo Stefano. Ohne daß groß Reklame für das Archiv gemacht würde, gehen fast täglich neue Manuskripte ein. Im ersten Jahr waren es rund 100, im zweiten schon 150, bis schließlich im vergangenen Jahr die Rekordzahl von 250 Einsendungen erreicht war. Ein Berg, der in Pieve kaum mehr bewältigt werden kann: denn, so lautet die Devise, jedes Manuskript soll gelesen werden — und das wird es bislang auch. Ein gut Dutzend Leute ist damit das ganze Jahr über beschäftigt, vom Bürgermeister über den Bankvorsteher und den Lehrer bis hin zum Schuldiener, und schließlich nimmt das ganze Städtchen regen Anteil an den Aufzeichnungen, die aus dem ganzen Land geschickt werden.