Kim traf mit seinem langen Dolch die Halsschlagader so genau, daß das Ren augenblicklich tot war. Das Blut schien in den Uferkieseln zu versickern, verfärbte aber den Bach weiter unten in ein hellrotes Gewässer. Der alte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht schnitt eine der Geweihgabeln ab. Sofort quoll Blut aus der Schnittfläche. Er hielt das abgeschnittene Ende nach oben, damit das Blut dort nicht entweiche, und ließ es antrocknen. Dann schob er das Geweihstück ins Feuer, schabte das wollige Haar ab und ließ das nackte Hörn eine Weile schmoren. Schließlich schnitt er dünne Scheiben herunter und reichte sie den Umstehenden, die schon ungeduldig auf den Leckerbissen gewartet hatten. Nein zu sagen war unmöglich. Tapfer biß ich auf den Hornrand, der wie harte Brotkruste aussah, und schluckte auch noch das talergroße gibbelige Stück Mark. Es schmeckte, für meinen Gaumen jedenfalls, nach nichts, rein gar nichts.

Das Ren war schnell enthäutet und zerlegt; das Picknick eine Stunde später gerichtet: gegrilltes Ren, Siedefleisch, gebratene Leber; Magen und Darm in Brühe gekocht; dazu Fladenbrot und Gurken, Preiselbeer- und Blaubeermarmelade, der Tee stark versetzt mit Rentiermilch. Man kann die Milch auch pur trinken: dickflüssig und fett, im Geschmack etwas salzig, auf jeden Fall würzig. Sehr nahrhaft "Und mit viel Heilkraft", behauptet Pjotr. Pjotr Afanasjewitsch Kejimetinow hob seine Teeschale. Ein Toast war fällig. Rußland und Amerika, "die beiden Großmächte", ließ er hochleben. Was für wunderbare Menschen diese Amerikaner doch seien, sagte er. Endlich könne man das aussprechen, nachdem die Propaganda sie so lange zu Scheusalen aller Art gemacht hätte. Pjotr ist der Vorsitzende der Rentier Sowchose (Staatsgut) im Dorfe Sebjan Kjuel in Jakutien, 350 Kilometer nördlich von Jakutsk. Sebjan Kjuel zählt zwar nur 700 Seelen, ist aber auf jedem sowjetischen Atlas verzeichnet, weil weit und breit sonst niemand wohnt. Pjotr ist Ewene, nicht Jakute, was für ihn ein wesentlicher Unterschied ist. Die Jakuten gehören zu den Turkstämmen, die Ewenen sind Tungusen. Die Jakuten sind aus Innerasien gekommen: auf Pferden. Die Ewenen sind ostsibirische Ureinwohner; nomadische Rentierzüchter "Das Ren kann Pferde nicht vertragen, Kühe ebensowenig; da gibts kein Nebeneinander", erklärt Pjotr, offenlassend, ob er damit ebenso einen politischen Hintergedanken verband wie wenige Minuten später. Da war die Gesellschaft von Jagdkundigen zu der Feststellung gelangt, daß russische Braunbären aggressiver seien als amerikanische. Pjotr warf wie beiläufig ein: "Bären richten sich nach ihrer Umwelt "

Der Amerikaner, dem der Tischspruch galt, ist nun ganz und gar kein Mensch des Zeremoniellen. Doug Drum ist ein Farmersohn aus Michigan. Da er nicht der erste Sohn war, verließ er den Hof, verdiente sich sein Geld auf Schlachthöfen, ehe er sich seinen Traum erfüllte und nach Alaska ging. Nach zehn Jahren harter Arbeit war Doug Besitzer und Betreiber einer Rentierfleisch- und wurstfabrik bei Anchorage. Die große Chance kam 1987. Ob es allerdings wirklich eine war, weiß Doug bis zum heutigen Tage nicht genau, denn seit jenem Jahr 1987 hat er viele mühselige Tage und Nächte in Ostsibirien, in Moskau, in ärmlichen Hotels, in Warteräumen und Zollabfertigungen verbracht.

Der Gouverneur von Alaska hatte ihm damals eine hochkarätige russische Delegation zur Besichtigung ins Haus geschickt, und die war, nach allem, was sie gesehen und gekostet hatte, sofort Feuer und Flamme. Doug Drum wurde eingeladen, auf der anderen Seite der Beringstraße ein Joint venture für Wurst, Steaks und Räucherware vom Ren zu gründen. Zwei Fabriken nach Dougs Plänen sind bereits in Betrieb, andere sind in Auftrag; unter anderen in Sebjan Kjuel. Wie das so ist in einem Lande, in dem es bislang keine Fachzeitschriften mit Branchenwerbung gibt: über einen Freund hatte Slawa, der junge technische Direktor des Staatsgutes, gehört, daß man für 150 000 Dollar in kürzester Zeit eine formidable Erhöhung des Lebensstandards im Dorf erreichen könne — Rentierwurst! Aber die Dollar? Woher die harte Währung nehmen?

Erst in den letzten Jahren haben die Rentierzüchter erfahren, daß sie mit ihrer Herde auch Dollars verdienen können: mit dem Hörn nämlich. Es liefert wertvolle Pharmazeutika; in der Überzeugung vieler Asiaten Aphrodisiaka. Doug meint zu wissen, daß die Wirkung des Horns in erster Linie auf einer Reinigung der Blutgefäße zentraler Körperstellen des Mannes beruhe. Koreaner sind es vor allem, die den ostsibirischen Hornhandel an sich zu reißen versuchen, die vor keinem Bestechungstrick zurückschrecken und die selbst dann noch einen Schnitt machen, wenn sie den Rentierzüchtern, ob in Jakutien oder auf der Tschuktschen Halbinsel, aus dem Devisenerlös Fernsehgeräte und Videorecorder beschaffen "Made in Korea", versteht sich. Ein Kilogramm Hörn bester Qualität, das heißt wenig Hörn am Außenrand, aber viel gut durchblutetes Mark im Innern, kann bis zu 490 Dollar bringen, die schlechteste Qualität nur circa zehn oder zwölf Dollar. Pjotrs Sowchose hat voriges Jahr runde 200 000 Dollar am Hörn verdient, mit dem Besitz von etwa 3000 Rentieren.

Bis unter die Decke war der Rumpf des Flugzeugs mit Videorecordern und Fernsehern vollgestopft. Dougs Joint venture hatte die zweimotorige Maschine von Aeroflot gechartert, die ihn, seinen Assistenten und mich zwischen Kisten und Kasten nach Jakutien flog. Alle zwei Stunden mußten wir auftanken. Zweimal hintereinander waren es kleine Flugplätze, über die im Zweiten Weltkrieg vor beinahe fünfzig Jahren amerikanische Hilfsgüter an die zweite, die russische Front gebracht wurden. Die Pisten sind noch heute in gutem Zustand. Die dazu gehörenden Ortschaften aber, Susunam zum Beispiel, sind traurige Bilder des Verfalls. Susunam mit seinen Kohleschächten war zu Stalins Zeiten ein berüchtigtes Gulag gewesen.

In Sangar an der Lena laden wir um auf Hubschrauber und fliegen dann über die karstigen Gipfel des Werchojansker Gebirges in das Land der Rentiere. Ungezählte Bäche und Flüsse in grünen Tälern durchschneiden kahle Gesteinsrükken, in die das Gletschereis seine Spuren geschrammt hat. Die Hänge sind mit Lärchen bewaldet, gelblich weiß schimmern die Flechten, von denen sich die Rentiere hauptsächlich ernähren. Auch im Winter. Es ist zwar die kälteste Gegend der Erde, aber der Schnee ist leicht und liegt nie sehr hoch.