Mitte der siebziger Jahre begegnete ich Gunnar aus Göteborg, einem Lehrer. Gunnar sagte: Unser Direktor, Folke, der ist ja Kommunist. Nun gut, aber wieso Folke, das ist doch ein Vorname? Ja, und das war es eben. In Schweden sagten alle du, und die Bengtssons, Svenssons und Larssons hießen nur noch Björn, Lena und Lars. Und das sei generell so, fragte ich mißtrauisch, daß man zu allen du sagt? Nun, lenkte Gunnar ein, wenn man ganz alte Leute auf der Straße anspreche, bleibe man beim altgedienten M, was Sie bedeutet; und die Königin bilde gewiß eine Ausnahme. Aber die kam sowieso aus Deutschland.

Bei uns war das lange nicht so gut geregelt. Der Gymnasialdirektor war alles andere als Kommunist, und wie war noch sein Vorname? Was waren wir wenig progressiv! Mein Vater gehörte auch zu den Reaktionären. Er behauptete, man sage eher "Du Ochse!" als "Sie Ochse!", und dazu tauge der Unterschied.

An der Universität hatten sich die Studenten gesiezt, in den fünfziger Jahren. Das tat dreißig Jahre später niemand mehr. Man nannte sich auch nicht mehr "Kommilitone", was als Fortschritthätte gelten dürfen, wenn dieses Wort durch irgendein anderes gebräuchliches hätte ersetzt werden können. Das war aber nicht der Fall. Jeder war ein Du, die meisten namenlos. Selbst wenn ein Professor im Seminar eine Frau Müller als solche ansprach, war es für den "Studierenden" ("Student" galt als sexistisch) nicht möglich, sie ebenfalls namentlich anzusprechen oder explizit auf sie Bezug zu nehmen. Also hieß es: "Wie vorhin dort drüben gesagt wurde "

Weit schwieriger war, Du bezüglich, der Umgang mit den Professoren, die um 68 unter den Talaren den Muff von tausend Jahren gelüftet hatten. Ich erinnere mich, wie ein friedensbewegter Professor einem 150 MannFrau Seminar vorschlug, daß alle zueinander du sagen sollten. Es zeigte sich im Laufe des Semesters, daß selbst harte Verfechter(innen) des universitären Dus in der Praxis des Seminars damit Schwierigkeiten hatten. Je schärfer die Debatten wurden, desto eher war der Professor wieder "Sie".

Es ist nicht lächerlich, die traditionellen Formen zu mischen, wie etwa die Angestellten von Kaufhäusern es tun, wenn sie sich beim Zunamen rufen und trotzdem duzen. Lächerlich — und gelegentlich peinlich — wird es erst, wenn die programmatischen Du Sager ihrer Sache nicht mehr ganz sicher sind.

In der Praxis meiner Zahnärztin in der (ehemals West )Berliner Innenstadt werden Patienten eines gewissen Schlages oder Alters von den Arzthelferinnen geduzt, von der Zahnärztin aber nicht. Ich nehme an, daß — vergleichbar den schon immer vornamentlichen "Schwestern" der Krankenhäuser und Stifte — die Arzthelferinnen sich als Kollektiv kennzeichnen möchten. Warum dieser Code auf den Patienten ausgeweitet wird, ist mir rätselhaft. Wenn Taxifahrer du sagen, habe ich manchmal den Eindruck, als wollten sie das Gefalle, das durch die Situation des Taxifahrens entsteht, vor sich selbst leugnen: "Ich sitze zwar vorn, aber ich könnte genausogut hinten sitzen "

Du zu sagen kann natürlich Ausdruck einer sozialen Zugehörigkeit sein, wie bei Handwerkern, die sich von der Baustelle bis Miami Beach gegenseitig erkennen. Sie können zueinander du sagen, weil eine Arbeit, die Hand in Hand geht, einen hohen Grad von Einverständis nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen deren Körpern voraussetzt. Das Du spiegelt diese Situation, deren Veränderung nicht abzusehen ist. Der Kollegenstatus ist ein Status quo. Es gibt Interessenkonflikte, aber nicht von der Art, daß man die Wahrung seines Interesses beizeiten einem Dritten anvertraut, zum Beispiel einem Rechtsanwalt. Ein Patient oder Kunde ist eben kein Kollege. Er ist in einer prinzipiell anderen Lage gegenüber einem Arzt oder Händler. Oder einem Taxifahrer. Das Verhältnis klärt sich nicht über Arbeit, sondern über Dienstleistungen, Waren — und Geld. Der Interessenkonflikt ist nicht per se gegeben, aber im Alltag programmiert. Der Patient oder Kunde kann auf Nachbesserung, Umtausch oder Minderung des Preises bestehen, Forderungen, die nicht selten beiden Parteien wenig willkommen sind.