Von Fred Fettner

Einsam sitzt Karl H. in seinem hellen Häuschen aus Fichtenholz mitten in der Stille des Hochwalds. Keine Straße ist zu sehen, nur ein breiter Wanderweg. Karl H., obwohl bewaffnet, ist nicht Jäger oder Förster. Karl H. ist Beamter, Zöllner mitten im Hochwald.

"Grenzübergang Plöckensteiner See" ist in die Hütte eingeschnitzt. Seit dem Vorjahr können Wanderer hier den ehedem Eisernen Vorhang zwischen Österreich und der Tschechoslowakei passieren. Rund 34 000 taten dies 1990. Ausschließlich Österreicher und Tschechen waren es gewesen, zumindest offiziell. Seit Mai 1991 dürfen auch deutsche Staatsbürger die Schranken zwischen Böhmerwald und Böhmerwald per pedes passieren.

Wir wollen – grenzüberschreitend – zum Plöckensteiner See wandern und lassen die Reisepässe demonstrativ abstempeln, wie sonst nur den Wanderpaß für die "goldene Wandernadel". Hinter der Grenze, unübersehbar rot-weiß-rot markiert und von der anderen Seite mit einem Pozor!-Achtungl-Schild versehen, ändert sich vorerst wenig: Hügellandschaft so weit das Auge reicht, rundgeschliffener Granit, dicht bewachsen von hochaufragendem Nadelwald. Besonders schlank ragt die original Böhmerwaldtanne in die Höhe: kein weitausladendes Zweigdach, sondern von oben bis unten zeigt sie fast gleichbleibenden Umfang, ein Baumzylinder, die Reaktion der Natur auf die schweren Schneelasten, die hier auf knapp tausend Meter Seehöhe die Bäume im Winter zu tragen haben.

Der erste Eindruck nach zaghaften Schritten auf tschechischer Seite – Morast. Die Grenzfahrzeuge haben tiefe, nach Regentagen wassergefüllte Spurrillen hinterlassen. Doch nach wenigen hundert Metern haben wir das andere Extrem: Eine drei Meter breite Asphaltstraße führt bergab, ebenfalls als Hinterlassenschaft aus stark befestigten Grenzzeiten. Sie zieht vorbei an einer Waldschneise, die sich, nach einheimischer Erklärung, als Rest jenes Stacheldrahtstreifens offenbart, der entlang der gesamten Grenze schmerzhaft hüben von drüben trennte. Hier darf auch weiterhin nicht gewandert werden, auch wenn sich der Weg zum Plöckensteiner See so um mehr als ein halbes Stündchen verkürzen ließe.

An der asphaltierten Weggabelung steht, überraschend, ein Wohnwagen. Ein launiger Tscheche bietet nebst Becherovka und Budweiser "original böhmische Kartoffelpuffer" feil. Das Stück für weniger als eine Mark.

Weiterhin breit asphaltiert, führt der Weg hinauf, bis ein meist trockenes Bachbett als Wanderpfad die Natur zurückholt. Mächtig taucht über einer Felswand des Plöckensteins kurz das Stifter-Denkmal auf, ehe der See erreicht ist: Das langgezogene, fast rechteckige Gewässer ist der Ausgangspunkt des Schwarzenbergschen Schwemmkanals, der, 1790 erbaut, als erster Tunnelbau Europas gilt.