Von Andreas Kilb

Unserfe Filme sind Neuerfindungen. Notgedrungen. Gott sei Dank. Wim Wenders, 1977

Die erste Geschichte handelt von einem Mann, der mit einer Kamera von Ort zu Ort reist, um Bilder aufzunehmen: von Städten, Landschaften, Meeren, Flüssen, Häusern und Menschen. Der Mann heißt Sam Farber. Seine Mutter, Edith Farber, ist in ihrer Kindheit erblindet. Sams Vater Henry träumt davon, ihr das Licht der Welt zurückzugeben. Er hat in seinem Labor in Australien eine Spezialbrille erfunden, die nicht nur Bilder aufzeichnet, sondern auch die Gefühle, die der Sehende im Augenblick des Sehens empfindet; und einen Computer, der die aufgezeichneten Bilder und Empfindungen in das Gehirn von Blinden übertragen kann. Das ist das Werk seines Lebens.

Henry Farber hat seinen Sohn ausgesandt, damit Sam seine Vision erfüllt. Sam aber weiß, daß er diese Reise kein zweites Mal machen kann. Seine Mutter wird nicht mehr lange leben, und die Welt steht vor einer Katastrophe. Es ist der Herbst des Jahres 1999: Ein indischer Atomsatellit ist auf seiner Umlaufbahn außer Kontrolle geraten, seine Zerstörung könnte der Anfang eines nuklearen Infernos sein. Die Aufnahmen, die Sam nach Australien mitbringen wird, sind die letzten Bilder des alten Jahrtausends – und vielleicht die letzten Bilder überhaupt.

"Der Stand der Dinge" sollte die Geschichte heißen, bevor ein anderer Film diesen Namen bekam. Das war vor vierzehn Jahren, in einer anderen Zeit. Im Herbst des Jahres 1977 war der deutsche Regisseur Wim Wenders zum ersten Mal nach Australien gekommen. Er hatte das riesige, ausgedörrte Innere des Kontinents entdeckt, die Steinwüsten, die rote Erde, die Steppen und Täler. "Es war, als ob diese Landschaft eine Science-fiction-Geschichte herbeirief." Bis Weihnachten 1977 schrieb er an einem Drehbuch, das von Henry, Sam und Edith Farber handelte. Dann bekam er ein Telegramm aus Hollywood.

Niemand außer Wenders vermag sich heute vorzustellen, wie jener nie gedrehte, nie zu Ende gedachte Film von 1977 ausgesehen hätte. Aber wer "Alice in den Städten" und "Im Lauf der Zeit" und später, 1982, den wirklichen "Stand der Dinge" gesehen hat, kann sich die Bilder und Stimmungen dieses Phantom-Films zusammenträumen: Landschaften aus Licht und Stille, Menschen wie Schlafwandler, Bewegungen wie im Rausch; einsame Plätze, verzauberte Städte, Blicke aus Autofenstern und Zügen; Visionen der Zeit, die verfließt, und der Dinge, die bleiben.

Diese Bilder hätte ich gerne gesehen. Aber Wim Wenders will sie nicht mehr zeigen. Das ist der Stand der Dinge, heute, im Herbst 1991.