Buchenwald 1991. Ich besuche dieses ehemalige KZ und Gulag zum erstenmal, seit wir 1950 daraus entlassen wurden. Wir, ein Güterzug kranker Gefangener, kamen dort 1948 nach wochenlanger Fahrt aus Sibirien an, wohin wir drei Jahre vorher verfrachtet worden waren. Rücktransport zur Entlassung hieß die Parole. Die Hälfte der Gefangenen starb in den Waggons, von den Überlebenden starb eine weitere Hälfte auf dem Ettersberg. Sie wurden unterhalb des Lagers in dem damaligen Schußfeld verscharrt. Heute steht hier ein vierzigjähriger Totenwald.

Sowjetische Uniformen spazieren noch im Wald auf dem Ettersberg, doch die jungen Soldaten sind waffenlos; sie wirken gelangweilt. Ich fahre mit offenem Fenster an ihnen vorbei, winke lächelnd. Die wenigen Gesichter, die ich erfasse, reagieren nicht; sie blicken ernst drein.

Ob ihre Eltern mit ihnen über die Lager Stalins und Hitlers sprachen? Ob sie wissen, wie viele aus der Generation ihrer Eltern und Großeltern darin umkamen? Keiner Generation in Europa, scheint es, bleibt die qualvolle Erfahrung historischen Wissens erspart. Ich gönne allen jungen sowjetischen Menschen die Unbefangenheit meiner historisch Ignoranten Studenten, die in den Tag hinein spielen können: muskulös, fröhlich, schwatzend; und die ständig von ihrem Glück sprechen. Tausende Besucher kommen täglich nach Buchenwald. Was suchen sie dort? Den Kitzel des Makabren? Wollen sie, die wohl kaum ein Lager erlebten, wenigstens einen Hauch des Leidens erspüren? Wird Buchenwald zu einer weiteren Touristenattraktion, zu einer Art camp land? Es gibt doch kaum etwas zu sehen von dem einstigen Terror Hitlers und Stalins. Die Baracken sind weggeräumt bis auf einige Fundamente und ein Wäschereigebäude, das als Museum dient. Die Toten sind verbrannt, oder sie liegen unter den Wurzeln der vierzigjährigen Bäume. Nur den Überlebenden, wenn sie je wieder hierherkommen, steigen auf dem Lagerplatz verdrängte Erinnerungen auf. Eine Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer der Nazis hat das SED Regime hier errichtet und die Opfer des systemeigenen Gulag opportun Verschwiegen. Einen gigantischen Klotz stellten sie am Südhang auf, der, weithin von der Autobahn sichtbar, wie ein Wasserturm wirkt.

Einige der Überlebenden des Konzentrationslagers, so höre ich, wollen nun ihre Gedenkstätte nicht teilen mit den Überlebenden des Gulag, die sie alle pauschal zu Nazis erklären. So wird es dann hier einen geteilten Friedhof geben nach der überwundenen Teilung des Landes? Deine Toten sind würdiger als meine?

Treffen der Überlebenden des Gulag Buchenwald. Weniger als hundert kamen, bis auf drei alle aus den neuen Bundesländern. Die meisten konnten wohl zum erstenmal öffentlich über ihre Lagerzeit sprechen. Nur einige taten es. Die anderen verharrten in aufmerksamem Schweigen. Auch auf dem Ettersberg agierten noch einige Vertreter des alten Regimes als Diskussionsleiter und in der Maske des Historikers. Ihre vorbereiteten Fragen an uns verrieten, daß sie noch von Ideologien fixiert sind. Sie werden sich wohl bald ein neues Vokabular angewöhnen; sprachlich läßt sich doch alles wenden.

Wir Überlebenden stellen uns einzeln vor, nennen unsere "Funktion", die wir damals im Lager innehatten "Ich war der Benjamin in der Schneiderei!" — "Ich war der Kleine in der Schreinerei!" — "Ich war ein Swasnoj (dolmetschender Meldegänger)!"

Alle Anwesenden waren 1945 um fünfzehn Jahre alt, und alle überlebten die Haft, weil sie eine Beschäftigung hatten, die ihnen etwas mehr Nahrung einbrachte. Wer schon krank und untätig in den einzeln abgezäunten Baracken hocken mußte, wer sich nur von einigen Scheiben Brot und Wassersuppen ernährte, der ist langsam verhungert in Buchenwald, Sachsenhausen, Fünfeichen und anderen Lagern.