Ein Schweizer Historiker kratzt behutsam an einer Legende

Von Jost Dülffer

Carl Jacob Burckhardt (1891 bis 1974) ist eine Schweizer Legende – und nicht nur dort. Am 10. September hat sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal gejährt, und zur gleichen Zeit fallen Schatten auf sein Bild. Mit Jacob Burckhardt, dem großen Historiker, war er nur entfernt verwandt, symbolisierte mit seinem zweiten Vornamen aber eine Affinität: Auch er wurde Historiker, lehrte in Zürich und in Genf. Bekannt, ja berühmt wurde er im deutschsprachigen Bereich mit dem ersten Teil einer Richelieu-Biographie 1934, deren weitere Bände erst 1965/66 publiziert wurden. Aber ihn reizte auch die andere Seite, die praktische Politik, nicht nur die Analyse der Macht, sondern auch deren Ausübung. Noch als Student nahm er 1918 eine Attache-Stelle an der Schweizer Gesandtschaft in Wien an, die er bis 1922 bekleidete. In dieser Zeit lernte er Hugo von Hofmannsthal kennen und pflegte bis zum Tode des Dichters 1929 eine intensive Freundschaft: Der ältere bewunderte den jungen Mann, der seinerseits dem berühmten Autor seine Gedanken zu den künftigen Weltproblemen mitteilte. Ihr Briefwechsel, von Burckhardt 1956 erstmals publiziert, liegt nun, um einige Stücke aus anderer Uberlieferung angereichert, als Taschenbuch vor.

Ab 1933 war Burckhardt für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tätig, wurde 1944 dessen Präsident. Den Höhepunkt seiner Karriere bildete aber doch die Tätigkeit als Kommissar des Völkerbundes in der Freien Stadt Danzig von 1937 bis zum Kriegsbeginn 1939 (später war er noch von 1945 bis 1949 Schweizer Gesandter in Paris). Er kannte die Großen der Welt, war selbst Literat, Historiker und Politiker zugleich – ein großer Geist, der 1954 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Nun kommt ein Schweizer Historiker und kratzt nachhaltig an diesem Bild. Behutsam, mit schlüssigen Argumenten wird der Held seziert, und hervor kommt ein durchaus widersprüchlicher Mensch, über dessen Bedeutung neu nachzudenken ist. Stauffer liefert keine Biographie im herkömmlichen Sinne, sondern skizziert knapp charakteristische Etappen seines Lebens, um sich dann ganz der "Danziger Mission" zu widmen, ein Buchtitel, mit dem Burckhardt 1960 seine Sicht der Dinge vorlegte. Stauffer zeigt, daß der Basler Patrizier mit aristokratischer Neigung im Sinne einer konservativen Revolution dachte, ja möglicherweise "frontistischen" Tendenzen anhing, also einer entsprechenden nationalen Erneuerung der Schweiz.

Hang zur Retusche

Im literarischen Bereich erkennt Stauffer eine "Selbststilisierung durch Legendenbildung". Das fing schon früh an: 1923 konnte Burckhardt mit einem Kollegen des Roten Kreuzes in der Türkei über griechische Kriegsgefangene ermitteln. Sein Buch "Kleinasiatische Reise" aus dem gleichen Jahr verschwieg den (kompetenteren) Reisegefährten und suggerierte, es sei der offizielle Bericht an das Rote Kreuz gewesen, um eher technische Passagen gekürzt. Das Ganze war unzutreffend.

Im Oktober 1935 besuchte Burckhardt im Auftrage des IKRK deutsche Konzentrationslager, unter anderen Esterwegen, und sah dort Carl von Ossietzky, aber auch Reinhard Heydrich in Berlin. Entgegen späterer Darstellung in der "Danziger Mission" (wohin die Geschichte eigentlich gar nicht gehörte) trotzte er dem SS-Funktionär einen solchen Besuch nicht ab, er war – mit Gegenleistung – vorher vereinbart. Öffentlich berichtete Burckhardt darüber nicht, behauptete aber, sein Bericht an Hitler habe Erleichterungen bewirkt, der KZ-Kommandant sei gar selbst in ein KZ eingeliefert, Ossietzky bald freigelassen worden. Tatsächlich machte der KZ-Kommandant Karriere. Burckhardt unternahm auf Hitlers Einladung 1936 eine weitere "Public-Relations-Tour", nach der er anschließend im Dankesbrief das "faustische Werk" der Reichsautobahnen und den Reichsarbeitsdienst lobte, im Fall Ossietzky aber auf Granit stieß. Erst die (von Burckhardt abgelehnte) Kampagne für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ossietzky, die schließlich Erfolg hatte, brachte dem kranken Pazifisten die Entlassung (er starb im Mai 1938 im Krankenhaus).

Als Historiker war Burckhardt bemüht, ohne allzu gründliche Quellenrecherche die Dinge im großen zu sehen, verachtete die aktenpuzzeligen "Kleinhistoriker" – und nun kommt doch tatsächlich ein solcher solide recherchierender "Kleinhistoriker" auf die Idee, dem Politiker nachzuspüren und dabei das Gemälde, das dieser selbst von sich schuf, in Frage zu stellen! Die Beobachtungen Stauffers lassen sich so zusammenfassen: 1. Burckhardt berichtete als Diplomat sehr subjektiv und atmosphärisch – eben literarisch. 2. Er neigte dabei dazu, Dinge, an denen er nur beteiligt war, als seine Initiative darzustellen. 3. "Es war ihm unmöglich, über irgendeinen Vorgang, selbst alltäglicher Art, zu berichten, ohne zu fabulieren." So formulierte sein dankbarer Genfer Schüler, der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, in seinen Memoiren. Was Stauffer über die diametral entgegengesetzten Berichte über Hitlers persönliche Erscheinung und Stimmung bei seinen Audienzen sagt, illustriert das neben vielem anderen eindrucksvoll. 4. Es ist eindeutig, daß er für seinen Freund Ernst von Weizsäcker, als dieser von den Alliierten 1948 im Wilhelmsstraßenprozeß angeklagt und verurteilt wurde, selbst zur Feder griff: Burckhardt stellte Weizsäcker ein neuangefertigtes (und anachronistisches) "Tagebuch" zur Verfügung, und das hatte dann weitere Rechtfertigungen zur Folge.

Für die "Danziger Mission", die Burckhardt im März 1937 nach diskreter Forderung durch Weizsäcker übernahm, zeichnet sich folgendes Bild ab. Er war in Nazikreisen auch in Danzig wohlgelitten, wurde gar zweimal öffentlich in Reden von Hitler belobigt.

Daß Danzig vor einer vollständigen "Gleichschaltung" auf Dauer durch NS-Senatspräsidenten und Gauleiter nicht zu retten war, war den meisten Einsichtigen, dem im Völkerbund zuständigen Dreiergremium aus Briten, Franzosen und Schweden und wohl auch Burckhardt deutlich. In Danzig, so suchte er später zu suggerieren, habe er lange erfolgreich auf eine Mäßigung besonders in der Judenpolitik hingewirkt. Von daher sei sein "Opfergang" zu verstehen. Tatsächlich war eine attentistische Haltung dort lange Zeit für die Nationalsozialisten vorteilhaft. Seine erste Besprechung mit Hitler am 18. September 1937 dauerte zwanzig Minuten, bei der nach Burckhardts zeitgenössischen Aufzeichnungen Hitler monologisierte. 1960 behauptete er, Hitler einen Aufschub in der "Arisierung" abgerungen zu haben. Die entsprechende Notiz ist unauffindbar; dabei hätte er sich gerade im westlichen Ausland mit einer solchen Leistung brüsten können. So reiht sich Beispiel an Beispiel.

Im Sommer 1939 hatte Hitler intern längst verkündet: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht"; er wollte die Zerschlagung Polens. Burckhardt glaubte am 11. August 1939 die für ihn einmalige Chance zu erhalten, den Krieg doch noch zu verhindern, als er Hitler ein weiteres Mal sprechen konnte. Aber der wollte tatsächlich nur Großbritannien an einem Eingreifen zugunsten Polens hindern, regte über Burckhardt bei den Engländern gar den Besuch des Empire-Generalstabschefs Ironside an, der von ihm fälschlich als der geeignete Appeaser angesehen wurde. Wirklich prüfte man in London einige Tage den Vorschlag, lehnte ihn dann aber ab. Aber auch Burckhardt mußte einsehen, daß er von Hitler als Spielstein unter anderen benutzt worden, seine Chance zur Rettung des Weltfriedens gar nicht gegeben war. In der "Danziger Mission" tischt er allerdings ziemlich abstruse Presseindiskretionen und allerlei Zufälligkeiten als Ursache des Scheiterns auf.

Dazu berichtet Burckhardt 1960 einen "allermerkwürdigsten Ausspruch" Hitlers, von dem er 1951 erstmals redete und der seither durch Dutzende von historischen Untersuchungen geistert: Hitler habe die bevorstehende Verständigung mit Stalin angedroht und zugleich seinen Entschluß, dann zunächst den Westen zu schlagen, um sich anschließend "mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden". Das stimmt zwar mit den heute bekannten langfristigen Zielen des Diktators tatsächlich überein; aber Stauffer macht deutlich, daß die von Burckhardt geschilderten Begleitumstände kaum mit anderen Zeugnissen zusammentreffen können. Es sei auch unwahrscheinlich gewesen, daß Hitler nach London gezielte Indiskretionen lancieren ließ, die doch auch bei den britisch-französisch-sowjetischen Militärgesprächen jener Tage in Moskau gegen das Deutsche Reich verwandt werden konnten. Kurz: Bis zum Beweis des dokumentarischen Gegenteils ist der von Burckhardt überlieferte Ausspruch als unwahrscheinlich anzusehen. Bereits 1960 zweifelte Golo Mann öffentlich, Theodor Schieder 1980 brieflich (das wurde inzwischen publiziert) an der Authentizität der Darstellung.

Zwang zur Rechtfertigung

Es geht hier um mehr als Gedächtnislücken oder Verschönerungen, die später geschriebene Memoiren immer enthalten. Stauffer zeigt, wie sehr sich Burckhardt selbst in den frühen fünfziger Jahren durch britische und deutsche Aktenpublikationen herausgefordert fühlte, die sein großes Einvernehmen und Zuvorkommen gegenüber den NS-Machthabern über taktisch-diplomatische Zwecke hinaus belegten. Nicht erst jetzt stand er unter Rechtfertigungszwang. So baute er sich ein Gebäude aus Apologien und selbstzugerechneten Verdiensten bis hin zu freien Erfindungen auf. Druck des berühmten Mannes auf Editoren gehörte ebenfalls zu seinem Instrumentarium. Andere Historiker (Bernd Martin 1974) haben bereits vor langem gezeigt, daß Burckhardt auch 1940/41 friedensvermittelnde Kontakte mit Deutschen und Engländern pflegte; er stritt vor dessen Publikation brieflich alles das ab, was ihm seither peinlich geworden war.

Aber das ist noch nicht alles. Die ursprüngliche Version der "Danziger Mission" (aus der die FAZ am 23. Dezember 1959 einen Vorabdruck brachte) enthielt – gelinde gesagt – problematische Passagen, die ihm der damalige Chefredakteur der NZZ mit Erfolg für die Endversion ausredete. Danach hatte der Nationalsozialismus nur episodenhaften Charakter im Vergleich zur kommunistischen Bedrohung; die Führung des Regimes sei 1939 so zerstritten gewesen, daß Hitler sowieso bald hätte, gestürzt werden können. Die großen Verbrechen seien erst durch diesen – offenbar unnötigen – Krieg möglich geworden. Neben Ausführungen über (vermeidbare) polnische Provokationen in Danzig fand sich auch eine Passage über eine jüdische Kriegserklärung an die Nationalsozialisten, die an Ernst Noltes entsprechende Ausführungen im "Historikerstreit" der späten achtziger Jahre erinnern: "Es war unvermeidlich, daß die Juden in der ganzen Welt dem Faschismus, dessen Wesen ihnen ursprünglich durchaus nicht artfremd gewesen war, nun einen Krieg auf Leben und Tod erklären mußten, ja, daß sie, um einer völlig unleidlichen Lage zu entgehen, den Ausbruch eines Zweiten Weltkrieges herbeiwünschten."

Wenn ein Denkmal vom Sockel geholt wird, heißt das ja noch nicht, daß aller Ruhm des Gestürzten hinfällig ist. Ein gewiß bedeutender Mann wird hier für Teile seines Wirkens auf ein menschliches Maß zurückgeführt, das sehr viel Eitelkeit und Ruhmsucht erkennen läßt. Stauffer konnte einen Teil des Nachlasses von Burckhardt verwenden. Aber die meisten Erkenntnisse stammen aus anderen Quellen. Es ist dringend erwünscht, daß die Nachlaßverwalter Burckhardts nunmehr alle seine Papiere freigeben, damit neben den sicheren Erkenntnissen Stauffers auch seine plausiblen Vermutungen belegt oder dokumentarisch widerlegt werden. Das gilt übrigens auch für den von Burckhardt ja selbst edierten Briefwechsel mit Hof-

mannsthal. Dessen Originale sind testamentarisch bis 1999 versiegelt. War Burckhardt wirklich in den zwanziger Jahren der mit prophetischem Blick für die künftige Weltentwicklung gesegnete Mensch, wie seine eigene Edition nahelegt?

  • Hugo von Hofmannsthal/

Carl J. Burckhardt:

Briefwechsel

Hrsg. von Carl J. Burckhardt. Erweiterte und überarbeitete Neuausgabe von Claudia Mertz-Rychner; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1991; 397 S., 19,80 DM

  • Paul Stauffer:

Zwischen Hofmannsthal und Hitler.

Carl J. Burckhardt

Facetten einer außergewöhnlichen Existenz; Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1991; 339 S., 58,– DM