Im Oktober 1935 besuchte Burckhardt im Auftrage des IKRK deutsche Konzentrationslager, unter anderen Esterwegen, und sah dort Carl von Ossietzky, aber auch Reinhard Heydrich in Berlin. Entgegen späterer Darstellung in der "Danziger Mission" (wohin die Geschichte eigentlich gar nicht gehörte) trotzte er dem SS-Funktionär einen solchen Besuch nicht ab, er war – mit Gegenleistung – vorher vereinbart. Öffentlich berichtete Burckhardt darüber nicht, behauptete aber, sein Bericht an Hitler habe Erleichterungen bewirkt, der KZ-Kommandant sei gar selbst in ein KZ eingeliefert, Ossietzky bald freigelassen worden. Tatsächlich machte der KZ-Kommandant Karriere. Burckhardt unternahm auf Hitlers Einladung 1936 eine weitere "Public-Relations-Tour", nach der er anschließend im Dankesbrief das "faustische Werk" der Reichsautobahnen und den Reichsarbeitsdienst lobte, im Fall Ossietzky aber auf Granit stieß. Erst die (von Burckhardt abgelehnte) Kampagne für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ossietzky, die schließlich Erfolg hatte, brachte dem kranken Pazifisten die Entlassung (er starb im Mai 1938 im Krankenhaus).

Als Historiker war Burckhardt bemüht, ohne allzu gründliche Quellenrecherche die Dinge im großen zu sehen, verachtete die aktenpuzzeligen "Kleinhistoriker" – und nun kommt doch tatsächlich ein solcher solide recherchierender "Kleinhistoriker" auf die Idee, dem Politiker nachzuspüren und dabei das Gemälde, das dieser selbst von sich schuf, in Frage zu stellen! Die Beobachtungen Stauffers lassen sich so zusammenfassen: 1. Burckhardt berichtete als Diplomat sehr subjektiv und atmosphärisch – eben literarisch. 2. Er neigte dabei dazu, Dinge, an denen er nur beteiligt war, als seine Initiative darzustellen. 3. "Es war ihm unmöglich, über irgendeinen Vorgang, selbst alltäglicher Art, zu berichten, ohne zu fabulieren." So formulierte sein dankbarer Genfer Schüler, der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, in seinen Memoiren. Was Stauffer über die diametral entgegengesetzten Berichte über Hitlers persönliche Erscheinung und Stimmung bei seinen Audienzen sagt, illustriert das neben vielem anderen eindrucksvoll. 4. Es ist eindeutig, daß er für seinen Freund Ernst von Weizsäcker, als dieser von den Alliierten 1948 im Wilhelmsstraßenprozeß angeklagt und verurteilt wurde, selbst zur Feder griff: Burckhardt stellte Weizsäcker ein neuangefertigtes (und anachronistisches) "Tagebuch" zur Verfügung, und das hatte dann weitere Rechtfertigungen zur Folge.

Für die "Danziger Mission", die Burckhardt im März 1937 nach diskreter Forderung durch Weizsäcker übernahm, zeichnet sich folgendes Bild ab. Er war in Nazikreisen auch in Danzig wohlgelitten, wurde gar zweimal öffentlich in Reden von Hitler belobigt.

Daß Danzig vor einer vollständigen "Gleichschaltung" auf Dauer durch NS-Senatspräsidenten und Gauleiter nicht zu retten war, war den meisten Einsichtigen, dem im Völkerbund zuständigen Dreiergremium aus Briten, Franzosen und Schweden und wohl auch Burckhardt deutlich. In Danzig, so suchte er später zu suggerieren, habe er lange erfolgreich auf eine Mäßigung besonders in der Judenpolitik hingewirkt. Von daher sei sein "Opfergang" zu verstehen. Tatsächlich war eine attentistische Haltung dort lange Zeit für die Nationalsozialisten vorteilhaft. Seine erste Besprechung mit Hitler am 18. September 1937 dauerte zwanzig Minuten, bei der nach Burckhardts zeitgenössischen Aufzeichnungen Hitler monologisierte. 1960 behauptete er, Hitler einen Aufschub in der "Arisierung" abgerungen zu haben. Die entsprechende Notiz ist unauffindbar; dabei hätte er sich gerade im westlichen Ausland mit einer solchen Leistung brüsten können. So reiht sich Beispiel an Beispiel.

Im Sommer 1939 hatte Hitler intern längst verkündet: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht"; er wollte die Zerschlagung Polens. Burckhardt glaubte am 11. August 1939 die für ihn einmalige Chance zu erhalten, den Krieg doch noch zu verhindern, als er Hitler ein weiteres Mal sprechen konnte. Aber der wollte tatsächlich nur Großbritannien an einem Eingreifen zugunsten Polens hindern, regte über Burckhardt bei den Engländern gar den Besuch des Empire-Generalstabschefs Ironside an, der von ihm fälschlich als der geeignete Appeaser angesehen wurde. Wirklich prüfte man in London einige Tage den Vorschlag, lehnte ihn dann aber ab. Aber auch Burckhardt mußte einsehen, daß er von Hitler als Spielstein unter anderen benutzt worden, seine Chance zur Rettung des Weltfriedens gar nicht gegeben war. In der "Danziger Mission" tischt er allerdings ziemlich abstruse Presseindiskretionen und allerlei Zufälligkeiten als Ursache des Scheiterns auf.

Dazu berichtet Burckhardt 1960 einen "allermerkwürdigsten Ausspruch" Hitlers, von dem er 1951 erstmals redete und der seither durch Dutzende von historischen Untersuchungen geistert: Hitler habe die bevorstehende Verständigung mit Stalin angedroht und zugleich seinen Entschluß, dann zunächst den Westen zu schlagen, um sich anschließend "mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden". Das stimmt zwar mit den heute bekannten langfristigen Zielen des Diktators tatsächlich überein; aber Stauffer macht deutlich, daß die von Burckhardt geschilderten Begleitumstände kaum mit anderen Zeugnissen zusammentreffen können. Es sei auch unwahrscheinlich gewesen, daß Hitler nach London gezielte Indiskretionen lancieren ließ, die doch auch bei den britisch-französisch-sowjetischen Militärgesprächen jener Tage in Moskau gegen das Deutsche Reich verwandt werden konnten. Kurz: Bis zum Beweis des dokumentarischen Gegenteils ist der von Burckhardt überlieferte Ausspruch als unwahrscheinlich anzusehen. Bereits 1960 zweifelte Golo Mann öffentlich, Theodor Schieder 1980 brieflich (das wurde inzwischen publiziert) an der Authentizität der Darstellung.

Zwang zur Rechtfertigung