Von Fredy Gsteiger

Stockholm, im September

Flöge Nils Holgersson heute auf dem Rücken einer Wildgans über Schweden, er würde sein Land durchaus noch wiedererkennen: die weiten, sattgrünen Wiesen mit den hineingesprenkelten roten Gehöften, die riesigen Wälder, die Seen und die vereinzelten Städte. Um die Veränderungen und Probleme wirklich wahrzunehmen, müßte Selma Lagerlöffs Romanheld schon häufiger landen und mit den Leuten sprechen. Dann erführe der Däumling von Kranken, daß sie in diesem vermeintlichen Muster-Sozialstaat oft Monate auf eine Operation warten müssen. Er erschräke angesichts der horrenden Preise in den Schaufenstern. Ihm fiele in den Schulklassen, die er auf dem Sommerbummel kreuzte, mancher dunkle Haarschopf auf. Er würde zusammenzucken, wenn er in einer Kneipe vierzig Kronen, also über zehn Mark, für ein Bier löhnen müßte. Bauern wiesen Nils wahrscheinlich auf die Schilder mit der Aufschrift "Fichtenwald!" hin, die sie in manche Ecke gestellt haben. Sie nähmen ihn mit zu einer Demonstration vor dem Reichstag in Stockholm, wo sie in einem Wald mitgebrachter Christbäume gegen das Vorhaben der Regierung protestieren, ganze Landstriche (gegen ein einmaliges Entgelt zwar) von Anbauflächen in Wald zu verwandeln, um künftig massiv Agrarsubventionen zu sparen. Am Sergels Torg, dem modernen, einst schicken Hauptplatz im Geschäftszentrum der Kapitale, sähe er spätestens nach Einbruch der Dunkelheit Drogensüchtige herumlungern und Obdachlose in düsteren Nischen. Alte Frauen und Kinder stöbern derweil in Mülleimern nach leeren Getränkedosen, um ein paar Öre Pfand zu erhalten – vertraute Anblicke in London oder Paris, aber in Stockholm? Und der eine oder andere der jungen, vergnügungssüchtigen Schweden, die im Kungsträdgarden in Schickimicki-Cafes sitzen und der Straßenmusik zuhören, würde ihm wohl mitteilen, daß sie ihr Land als langweilig und ihre führenden Politiker als altbacken empfinden.

Wie Nils Holgersson fliegen auch die Politiker in diesen Tagen vor der Reichstagswahl am Sonntag viel übers Land. Schweden ist weitläufig, und die Universitätsstadt Lund im Süden oder die Eisenerzstadt Kiruna im hohen Norden sind von der Metropole weiter entfernt als die estnische Hauptstadt Tallinn. Doch die Politiker wissen um das Murren in der Wählerschaft. Ungeachtet der Bedeutung des Fernsehens entscheiden sich die meisten Wähler hier nicht nur sehr spät, sondern meist erst nach Gesprächen mit den Kandidaten. Die Wahl-styga, ein roh gezimmertes Holzhäuschen mit Giebeldach, ist daher aus dem schwedischen Wahlkampf nicht mehr wegzudenken. Weil sich diesmal gleich acht Parteien Chancen ausrechnen, die Vierprozenthürde vor dem Einzug ins Parlament zu überspringen, sind landesweit an belebten Ecken ganze Kleinsiedlungen mit diesen gemütlichen Wahl-sfygas entstanden: Hier gibt es Prospekte, Kaffee aus Pappbechern – oder Tee aus Henkeltassen bei der Miljö-Partei, der grünen – und politische Gespräche.

Massenkundgebungen mit einer großen Zahl johlender Polit-Hooligans und frenetischem Applaus für Politstars wären den Schweden zuwider. Selbst wenn der amtierende sozialdemokratische Regierungschef Ingvar Carlsson auftritt, muß er froh sein, 200 Leute um sich zu scharen, die ab und an höflich, aber verhalten Beifall spenden. Poster von Alten, Kranken und Invaliden sind in den Wahlkampfhäuschen unvermeidlich. Ein Blick in schwedische Medien erweckt den Anschein, als sei einer von drei Schweden Rentner, der zweite krank und der dritte körperbehindert; Schwedische Politik für Mehrheiten kann nur machen, wer zumindest glaubwürdig dartut, daß er ein Herz für Minderheiten hat.

Bei aller Gemächlichkeit und Fairneß, die auch diesen Wahlkampf kennzeichnen, ist unübersehbar, wie Wähler und Parteien merken, daß es sich diesmal Jim eine Schicksalswahl handelt, daß ein Ende der über ein halbes Jahrhundert dauernden sozialdemokratischen Ära eingeläutet werden könnte. Zwar haben bereits einmal in dieser Epoche, 1976, die Bürgerlichen eine Mehrheit errungen. Aber damals hatte sie ihr Erfolg dermaßen überrascht, daß sie eine noch sozialdemokratischere Politik betrieben als die Sozialdemokraten. Ohnehin betrachteten die meisten dieses "bourgeoise Experiment" als Zwischenspiel. Jetzt indes ist von einer Wende die Rede; die Bürgerlichen wittern Morgenluft; die Sozialdemokraten bangen um die ihnen lieb gewordene Macht. Teurer als je zuvor sind die Wahlkampagnen und auch professioneller. Viel liebenswert Amateurhaftes ist aus Postern, Prospekten und Politikerauftritten verschwunden.

Noch am wenigsten hat dieser Wandel die Grünen erfaßt. Weil sich die Parteibasis beharrlich weigert, einen Parteichef zu ernennen, kann die Umweltpartei keinen medienwirksamen Spitzenkandidaten anbieten. "Das mag zwar seinen Charme haben; Erfolg bringt es wohl nicht", meint Per Gahrton, einer der auch im Ausland profiliertesten schwedischen Grünen. "Wir haben leider nicht begriffen, wie heutzutage auch hier ein effizienter, moderner Wahlkampf zu führen ist. Selbst wenn uns die Spielregeln nicht passen, müssen wir uns an sie halten." Weil auch die Gegnerschaft zum EG-Beitritt den Grünen bislang nicht den erhofften Wählerzulauf brachte (Gahrton: "Das Thema wird aber bestimmt in ein, zwei Jahren hochkochen, wenn bewußt wird, was eine Mitgliedschaft nach sich zieht"), könnte die Partei vom großen Sieger der Wahl 1988 diesmal zum großen Verlierer werden und an der Sperrklausel scheitern.