Von Werner A. Perger

Den Haag, im September

Das Mienenspiel des starken Mannes ließ keinen Zweifel: Er hatte sich nicht gedrängt, an dieser Konferenz teilzunehmen. Während im Verhandlungssaal des Haager "Friedenspalastes" die anderen Republikchefs aus Jugoslawien sprachen, präsentierte sich Slobodan Milosevic, der serbische Präsident, gelangweilt und desinteressiert, wenngleich nicht unaufmerksam. Als etwa der Kroate Franjo Tudjman auf die serbische Urheberschaft der Gewalthandlungen auf dem Balkan zu sprechen kam oder an die Sympathien der serbischen Armeeführung für die Moskauer Putschisten erinnerte, da zog Milošević etwas blasiert die Augenbrauen hoch, eine Art Staunen erhellte die Züge. Jeder sollte sehen: Dieser Unfug könnte ihn fast schon amüsieren.

Insgesamt aber war das nicht mehr als eine Pflichtübung für den Mann, der in den Augen der westeuropäischen Gastgeber hier auf der imaginären Anklagebank saß. Die Deutschen sagten: "Mitterrand hat ihn zur Teilnahme mehr oder weniger gezwungen." Das klingt plausibel. Ohne die die Teilnahme des Serben hätte die "Friedenskonferenz" in Den Haag keinen Sinn gehabt.

Der Auftakt des Verhandlungsprozesses am vergangenen Samstag im Friedenspalast – draußen demonstrierten etwa zehntausend Kroaten und vor allem Kosovo-Albaner für Deutschland und ihre Unabhängigkeit – bot einen Ausblick auf die Schwierigkeiten, mit denen der Vorsitzende der Konferenz, Lord Carrington, zu tun haben wird. Präsident Milošević, der unwillige Gast, schien jedenfalls entschlossen, aus der Situation das Beste zu machen. Als die Reihe an ihn kam – er sprach als letzter der Teilnehmer aus dem zerfallenden Vielvölkerstaat –, agierte er selbstbewußt, weltgewandt und auch lautstark; ein Machtpolitiker. Seine sechs jugoslawischen Vorredner, von Staatspräsident Mesić bis zum slowenischen Republikchef Kučan, hatten sich ihrer Muttersprache bedient. Milošević sprach als einziger der Gäste Englisch, und das so exzellent, daß mancher der wortlos mit am Tisch sitzenden zwölf europäischen Außenminister ihn hätte darob beneiden können.

In der Rede blieb der Serbe seinem kroatischen Vorredner nichts schuldig, der Angeklagte ging in die Offensive. Milošević zur Schuldfrage: "Die jugoslawische Krise ist das Ergebnis einseitiger sezessionistischer Politik, zunächst Sloweniens und dann Kroatiens."

Serbische Übergriffe: "Es gibt keinen einzigen Kroaten, der aus Serbien nach Kroatien wegen nationaler Diskriminierung hätte fliehen müssen. Vielmehr ist es die gegenwärtige kroatische Regierung, welche die Serben in der Republik Kroatien gezwungen hat, sich zu organisieren und sich zu verteidigen, um so eine Wiederholung des Völkermords, wie er von einem früheren unabhängigen Staat Kroatien während des Zweiten Weltkriegs begangen wurde, zu verhindern."