Selbstbestimmungsrecht: "Das Recht eines Volkes, Jugoslawien zu verlassen, kann keinen Vorrang vor dem Recht anderer Völker haben, in Jugoslawien – ihrem eigentlichen Staat – zu verbleiben."

Hilfe der EG bei der Suche nach einer friedlichen Lösung: Ja, aber "ohne eine Lösung aufzuzwingen". Bestand könne nur eine Lösung haben, die "von allen jugoslawischen Völkern akzeptiert wird und die deren jeweiligen Interessen respektiert".

Die Unversöhnlichkeiten und Unvereinbarkeiten konnten in der Konfrontation der Reden Tudjmans und Milošević’ kaum deutlicher dargestellt werden. Wo sollen da Brücken der Verständigung möglich sein? Wie zur Illustration der bevorstehenden Mühsal dieser Konferenz – von einem "dornenvollen Weg" sprach Lord Carrington –, war schon in der Nacht zuvor in Kroatien ein Hubschrauber mit EG-Beobachtern beschossen worden. Und die Eröffnung der Konferenz hatte auch keinerlei Einfluß auf die Vorgänge in der Krisenregion. Die Kampfhandlungen dauerten in den Tagen danach an, immer deutlicher wurde das Muster einer strategischen Offensive der Volksarmee. Ein deutscher Diplomat: "Die Kroaten sind nicht schuldlos an diesem Konflikt, aber jetzt führen die Serben eindeutig einen Eroberungskrieg."

In der Sprache der Konferenz-Diplomatie wird das so deutlich nicht gesagt. Die EG ist inzwischen, lange genug hat es gedauert, wenigstens bei der Formulierung angekommen, sie werde "niemals eine Politik der vollendeten Tatsachen akzeptieren". Sie sei entschlossen, "keine gewaltsamen Grenzänderungen anzuerkennen". Auch die ausdrückliche Nennung der "serbischen Freischärler" und der jugoslawischen Armee als Hauptschuldige für die Eskalation war im Vorfeld der Haager Konferenz schon ein vergleichsweise großer Schritt in Richtung Wirklichkeit.

In der Haager Erklärung vom 7. September heißt es nun, gestützt auf die EG-Formel: "Wir beschließen, niemals Veränderungen der Grenzen zu akzeptieren, die nicht auf friedlichem Wege und mit gegenseitiger Übereinstimmung erreicht worden sind." Dem hat immerhin auch Milošević zugestimmt, und das, sagen die Europäer, war nicht selbstverständlich.

Man sollte sich jedoch hüten, daran besondere Erwartungen zu knüpfen. Jugoslawiens Präsident Stipe Mesić, der Kroate im Staatspräsidium, versuchte die rhetorische Einigkeit von Den Haag daheim praktisch umzusetzen. Als formeller Oberbefehlshaber der Armee befahl er den Truppen die Rückkehr in die Kasernen. Ein Befehl für die Akten. In einem künftigen Hochverratsprozeß könnte er eine Rolle spielen. In der Jetztzeit aber mochte die Volksarmee ihn nicht einmal ignorieren. Die serbischen Einheiten rücken vor. Noch geht es um Städte wie Osijek und Okucani, Namen, die außerhalb der Region bisher unbekannt waren. Daß Zagreb, die Hauptstadt, das nächste Ziel ist, scheint nicht mehr nur ein Schreckgespenst kroatischer Panikpropaganda zu sein.

Die Serben sammeln Pfänder für die Verhandlungen, denen sie sich letztlich nicht verschließen werden können. Also kalkulieren sie: Das Wichtigste ist, Fakten zu schaffen. Was kümmern sie da Erklärungen aus dem Haag? Am runden Tisch bei Lord Carrington, an dem Jugoslawien neu zurechtgeschnitten und zwischen den Republiken schließlich ein fragiler Friede ausgehandelt werden soll, zählen territoriale Tatsachen mehr als diplomatische Dokumente.