In diesem Punkt wurde Milošević vor aller Öffentlichkeit recht deutlich: "Grenzen sollen nur im Fall einer Abspaltung von Jugoslawien geändert werden", sagte er. "Das gilt nicht für Nationen und Republiken, die in Jugoslawien bleiben." Genau gelesen heißt das: Nur wer bleibt, der bleibt auch unbeschädigt – wer gehen will, muß zahlen: mit Gebietsabtretungen. Den Westeuropäern ist die Parallele gleich aufgefallen: Milošević könnte die Formel bei einem anderen Populisten aus dem Osten kopiert haben, bei Boris Jelzin. Der russische Präsident hatte Ende August die sowjetischen Anrainerrepubliken mit der Bemerkung schockiert, bei einem Wegfall des Unionsvertrags "behält sich die Russische Föderation das Recht vor, die Frage einer Revision der Grenzen zu stellen". Bei der Rhetorik freilich endet, vorerst, die Parallele.

Die Haager Konferenz täuscht nicht darüber hinweg, wie schwer die EG sich mit der Balkankrise tut. Sie ist der größte anzunehmende Unfall, welcher der Gemeinschaft auf dem Weg zur Politischen Union passieren konnte. Der Test auf die politische Handlungsfähigkeit der Zwölf kam zu früh – wie jeder Unfall. Die Gemeinschaft ist längst nicht soweit, doch das "kann man ihr schwerlich zum Vorwurf machen", wie nach der Haager Konferenz ein FAZ-Reporter schrieb. So viel Verständnis für die politischen Aporien der Gemeinschaft ist in diesem Bereich der Publizistik allerdings selten. Eher ist dort, beispielsweise in der Welt, die Rede vom "Versagen der EG".

Zwischen Spott und Appellen liegt die Forderung nach unverzüglicher Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch die Westeuropäer, zumindest aber durch Bonn. Anders als in den meisten übrigen EG-Staaten, von denen nahezu jeder sein eigenes Minderheitenproblem hat, ist diese Forderung in Deutschland inzwischen sehr populär. Die Koalition der Anerkenner reicht von den Journalisten an Ort und Stelle über die Leitartikler daheim bis zu Volker Rühe und Karsten Voigt in Bonn. Auch Hans-Dietrich Genscher ist seit einiger Zeit soweit, manchmal scheint es, als sei er – nervös gemacht von Kommentaren – sogar bereit zum geforderten Alleingang. In Deutschland wäre das populär. In der EG aber, daran hat sich kaum etwas geändert, bliebe Bonn damit isoliert.

Für Bonn ist die mögliche Anerkennung der beiden Republiken vor allem ein Druckmittel gegenüber Serbien. "Die Drohung ist vielleicht wirksamer als die Anerkennung selbst", spekuliert einer von Genschers Leuten. Das ist wie mit der Strategie der Abschreckung. Die nächste Frage kennt man aus der Raketendiskussion: Was ist, wenn die Abschreckung versagt? Was verbessert die Verwirklichung der Drohung? Würde, wie Österreichs Kanzler Franz Vranitzky skeptisch fragte, nach der Anerkennung in Kroatien ein Schuß weniger fallen?

Für die Anerkennung spräche, abgesehen von der symbolischen Bedeutung für die Slowenen und Kroaten, die daraus folgende Internationalisierung des Konflikts. Aus dem Bürgerkrieg würde ein Krieg zwischen souveränen Staaten und damit ein Fall für die Uno und den Weltsicherheitsrat. Doch die beiden EG-Mitglieder, die dort einen ständigen Sitz haben, Frankreich und Großbritannien, bleiben vorsichtig. Aus einer Reihe von Gründen, die vom Mißtrauen gegenüber den deutschen Absichten bis zu praktischen politischen Überlegungen reichen, wollen sie das Thema nicht vor den Sicherheitsrat bringen. Sie scheuen, noch, die Konsequenzen. "Ohne die beiden aber", so Genschers Einschätzung, "hat das keinen Sinn". Bliebe der Alleingang, zu dem Tudjman den deutschen Außenminister abermals drängte. Einen Alleingang hatten zuvor auch schon die Österreicher diskutiert, deren christdemokratischer Außenminister Alois Mock dafür plädierte.

Das wären zwei besonders prekäre Alleingänge über politisch vermintes Gelände. Die historischen Verdächtigungen gegenüber Bonn/Berlin und Wien – Wiederbelebung der antiserbischen Achse von 1914 – bekämen neue Nahrung. Bei diesem Gedanken schaudert es einem hochrangigen Beamten des Bonner Außenministeriums: "Ein deutsch-österreichisches Solo ist das Letzte, was wir brauchen." Es wäre das Letzte, was hilft.