Von Rupert Neudeck

KÖLN. – Seit vielen Jahren wird in unserem Nachbaikontinent Afrika eine stille Tragödie zur Normalität. Wir nehmen sie neben den publizitätsträchtigen Katastrophen kaum wahr, weil sie so schleichend ist. Doch die Auswirkungen der Tragödie lassen sich nicht mehr übersehen: Afrikas oft tyrannisch geführte Länder verjagen die Besten aus ihrer kulturellen und publizistischen Elite nach Europa.

Der Exodus ist an vielen Einzelfällen festzumachen. Wo sitzt der bekannteste Schriftsteller Kenias, Ngugi Wa’Thiongo? In London. Wo arbeitet der bekannteste somalische Autor Nuruddin Farah? In Rom. Wo lebt der Herausgeber und Chefredakteur einer der besten Tageszeitungen Afrikas, der Sudan Times (1982 bis 1988 in Khartum erschienen), Bona Malwal? In Oxford. Die Reihe ließe sich lange fortführen. Die intellektuelle Auszehrung ist deshalb so tragisch, weil auch die Afrikaner nicht allein vom – oft so seltenen – Brot leben. Aber wer liefert ihnen geistige Anregungen und Informationen? In vielen afrikanischen Ländern gibt es für die Bewohner überhaupt keine regelmäßigen Publikationen. Sie sind allein auf Radiosendungen, auf die Transistornachrichten angewiesen. Gewiß gibt es eine ganze Menge guter Programme. Auch der Sender, der sich offenbar unsterblich in das Gedächtnis von Michail Gorbatschow eingeprägt hat, die BBC, eröffnet vielen Völkern und Stämmen in allen Regionen Afrikas einen Zugang zur Welt. Aber die meisten der Sender haben den Nachteil, daß sie entweder von den örtlichen Regierungen kontrolliert oder von Nichtafrikanern geführt werden.

Vor allem für die Demokratisierung und Bewußtseinsbildung der Menschen Afrikas wäre es jedoch wichtig, wenn afrikanische Autoren und Journalisten, afrikanische Intellektuelle und Poeten sich über ein afrikanisches Medium an sie wenden könnten. Ich schlage deshalb die Einrichtung eines Radio Free Africa vor. Mit Radio Liberty und Radio Free Europe gibt es vorzügliche Modelle für einen solchen Sender; beide Anstalten haben sich bei der Informierung und Aufklärung Osteuropas wie der Sowjetunion ungeheure Verdienste erworben. Eine Radiostation für Afrika könnte den beiden bestehenden Anstalten relativ leicht zugesiedelt werden.

Die Völker Afrikas, völlig zu Unrecht und fahrlässig von uns Europäern vergessen, sollten ein neues und eigenes Radioforum inmitten Europas haben. Dieses Forum hätte in München sicher einen guten Standort: einmal in der kolonialgeschichtlich weniger (als etwa Frankreich oder Großbritannien) belasteten Bundesrepublik, zum anderen an einem Ort, an dem europäische Kultur mehr pulsiert als anderswo. Berlin wäre ein Standort, der Afrikas Intellektuellen vielleicht in Erinnerung an die Afrika-Konferenz von 1884/85 schlecht in den Ohren klänge.

Die Finanzierung wäre gewiß ein Problem. Aber für ein solches Projekt wären mit Sicherheit Institutionen wie die Rockefeller oder die Ford Foundation oder auch die Europäische Gemeinschaft zu interessieren.

Die positive Ausstrahlung eines Senders für Afrika läßt sich ohne Schwierigkeiten vorstellen. Er würde die Demokratisierungswelle durch Berichte in verschiedenen Sprachen weiter anschieben. Wenn etwa die Liberianer und Tschader über die erste große nachmarxistische Revolution in Äthiopien erfahren; wenn die Schwarzafrikaner im Südsudan etwas von der sich langsam konstituierenden neuen Republik Eritrea hören; wenn die Äthiopier über Radio Free Africa erführen, wie feudal und spendabel mit den aus der Äthiopien-Bank gestohlenen Millionen Dollar die Familie des abgehalfterten roten Negus Negesti Mengistu Haile Mariam lebt; wenn afrikanische Journalisten auf einer eigenen Welle die übertriebene Hungerpropaganda der römischen FAO oder der New Yorker Unicef kritisierten – wenn all dieses und noch viel mehr geschähe, dann wäre schon viel gewonnen. Auf jeden Fall erführen Afrikas Völker einiges von dem, was ihnen die eigenen Regime bisher wohlweislich vorenthalten.