ZDF, Mittwoch, 18. September, 23.45 Uhr: "Hohe Erwartungen

Ein britischer Spielfilm von 1988. Buchautor und Regisseur ist Mike Leigh, der, wie er sagt, dabei bleiben will, "Filme über das außergewöhnliche Leben gewöhnlicher Leute" zu machen. London in der Endphase der Thatcher-Regierung: Ringsum wird genossen und gedarbt, herrscht exaltierte Lebenslust und bleierne Resignation. Die einen haben es geschafft, die anderen werden es nie schaffen, und dazwischen ist nichts. So macht es dieser Blick in die Mittelschicht glauben, wo die sozialen Energien bekanntlich am aggressivsten, die Abgrenzungen am schneidensten sind.

Man büßt mit dem Aufstieg einen Luxus ein, den sich die am unteren Rand eher leisten können: Güte, Nachsicht, Erbarmen. Etwas opfern zu können von dem, was man so mühsam zusammengerafft, von dem man immer zuwenig hat, etwas Zeit oder Geld oder Sozialprestige – das ist der Luxus, der den Neureichen in diesem Film unerreichbar bleibt.

Cyril und Shirley leben aus anderen Antrieben, er ist Motorradbote, sie ist Gärtnerin, sie haben eine kleine Londoner Wohnung und lassen sich’s wohl gehen. Sie sind ziemlich weit "unten" und die Glücklichsten unter den dargestellten kleinen Leuten. Ein junger Mann von auswärts sucht seine Schwester in der unbekannten Großstadt, er hat nicht einmal eine richtige Anschrift von ihr. Cyril und Shirley amüsieren sich über seinen provinziellen Aufzug und bieten ihm einen Tee an. Der von der Straße ist in ihrer Wohnung. Der von draußen, den sie weder kennen noch mögen, ist in ihr Privates eingedrungen. Nein, eingedrungen ist er nicht, sie haben ihn gebeten. Und ihr Privates ist nicht ganz so privat wie bei den anderen.

Vom Balkon aus zeigen sie ihm den Weg zum nächsten Taxistand, da soll er weiterfragen. Spät abends klopft der Provinzler wieder an – die Schwester ist nicht da, zurück kann er erst morgen. Cyril und Shirley geben ihm, nun ja, nicht eben sehr erfreut, doch ohne es ihn merken zu lassen, die Matratze im Zimmer nebenan. Sie mummeln ihn ein wie ein Kind, sie sagen ihm gute Nacht. Was soll das? Sind die von der Heilsarmee?

Der ungebetene Gast hört Kofferradio, daß sie nicht schlafen können. Sie protestieren im Ton gestrenger Eltern durch die dünne Wand. Da gibt der Fremde Ruhe, die beiden sehen sich an und kichern und sind mordsvergnügt. Dem Fremden Herberge zu geben – was soll daran so mordsvergnüglich sein? Ist das die neue, die alte "Lust auf Gutes tun", die sich auf keiner Werbetafel findet und doch die höchste Lust auf Erden ist?

Visite bei der alten Mutter: Die ist verbittert, sie antwortet kaum, sie freut sich auch nicht mehr. Aber man sitzt zusammen, hat einen Tee. Nach einer halben Stunde ist die Mutter eingeschlafen auf ihrem Stuhl. Cyril und Shirley sind miteinander warm geworden beim Ausharren, sie wenden sich einander zu bei der wöchentlichen Zuwendungspflicht. Was ist das nun? Wo kommt ihre Lust plötzlich her? In keiner Sexanleitung steht geschrieben, daß man sich zu seiner verbitterten alten Mutter setzen soll und eine Stunde lang nur dasein und ausharren.