Wenn man so will, beruft sich das antikommunistische Kroatien ganz traditionell auf seine territoriale Souveränität, wohingegen die altkommunistischen Serben "fortschrittlich", ja revolutionär eine rein ethnische Auslegung des Selbstbestimmungsrechts gegen die altbackene Souveränitätsdoktrin halten. Die südslawische Sache wird freilich dadurch noch widersprüchlicher, daß sich die Serben gegenüber den Albanern im Kosovo selber auf das Territorialprinzip berufen. Das Amselfeld gehöre ihnen, wer immer sich gegenwärtig darauf tummle.

Deckel der Pandorabüchse

Ursprünglich sollte die Einführung des Selbstbestimmungsprinzips nicht zuletzt dazu dienen, Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg zu zerlegen. Paradoxerweise hat dieser Auflösungsprozeß aber nur dazu geführt, den Vielvölkerstaat Jugoslawien wider alle Selbstbestimmungserwägungen zusammenzuzwingen, Tschechen und Slowaken in eins zu fügen und das deutschsprachige Südtirol Italien anzuschließen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Selbstbestimmungsprinzip antikolonialistisch eingefärbt. Aber die afrikanischen Staaten sind ohne Rücksicht auf Stammesgrenzen geschaffen worden – und bis heute verweigert sich die Organisation afrikanischer Staaten einer ethnischen Auslegung des Selbstbestimmungsprinzips.

Selbstbestimmung kann schwerlich mehr bedeuten als die folgende Doppelformel:

  • Jeder Staat soll über sein Schicksal allein entscheiden – ohne das Diktat fremder Mächte (Selbstbestimmung als Staatenrecht).
  • Jedes Staatsvolk soll zugleich über seine inneren und äußeren Angelegenheiten selber, also demokratisch bestimmen – unter Wahrung der Freiheits- und Minderheitsrechte (Selbstbestimmung als Bürgerrecht).

Der erste Teil der Doppelformel ist substantiell nichts anderes als die Achtung der Souveränität; der zweite Teil, die innere Demokratisierung, überzeugt zwar in der Sache, kann völkerrechtlich aber nicht durchgesetzt werden.