Die Gemeinschaft hat in den zurückliegenden Wochen viel Spott auf sich gezogen, weil sie zuerst die gesamtjugoslawische Souveränität predigte und sich dann erst gegen die Serben stellte; weil Genscher und sein niederländischer Kollege van den Broek höchst unterschiedliche Wege gingen; weil es eine Weile so aussah, als führten Franzosen und Deutsche gegeneinander Krieg – Frankreich auf der Seite Serbiens, Deutschland mit den Kroaten; weil sie einen Waffenstillstand nach dem anderen formulierten und scheinbar nicht sehen wollten, daß die Serben auf Sieg, nicht auf Platz setzen. Imposant mag die Rolle der Europäer nicht gewesen sein. Aber wenn man einmal die Quisquilien beiseite läßt – gab es denn in der Substanz irgendeine Alternative?

Hätte die EG, wie Deutsche und Dänen es wollten, Slowenien und Kroatien auf der Stelle anerkennen sollen? Oder hätten die Deutschen und Dänen diesen Schritt eben auf sich gestellt unternehmen sollen, ohne Rücksicht auf die dann offen zerschlagene gemeinsame Außenpolitik der EG? Das wäre vielleicht besser gewesen als die jetzt in Umlauf befindliche bedingte Formel: Jeder Schuß bringt die Anerkennung näher. Auf diese Weise wird nachgerade eine Prämie auf fortgesetzte Kämpfe ausgesetzt.

Der Streit um die Anerkennung Sloweniens und vor allem Kroatiens verliert freilich an Gewicht, wenn man sich die wahre Bedeutung der völkerrechtlichen Anerkennung bewußtmacht. Strenggenommen bedeutet im Völkerrecht die Anerkennung nicht mehr als die Feststellung eines Faktums. Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt – wenn diese drei völlig wertfreien Kriterien gegeben sind, hat man einen kompletten Staat vor sich, der füglich anerkannt, das heißt ins politische Geschäft einbezogen wird. Moralisches Gewicht kommt diesem Schritt kaum zu, allenfalls im Falle der Verweigerung – siehe die westliche Politik gegenüber der DDR vor 1973.

Staatsgebiet, Staatsvolk – hier stockt man schon im Falle Kroatiens. Welches Kroatien soll denn anerkannt werden? Welcher Grenzverlauf soll gelten? Wer gehört zum Staatsvolk? Auch die dort lebenden Serben? Kann man rückwirkend ein Staatsgebiet anerkennen, das inzwischen militärisch verlorengegangen ist? Soll mit einer Anerkennung Kroatiens auch dessen Diskriminierung der Serben anerkannt werden? Und was ist eine Anerkennung wert, die noch nicht einmal von der gesamten EG vollzogen würde?

Rein politisch läßt sich der Wunsch der Kroaten nach Unabhängigkeit anerkennen. Dies wäre ein starkes Symbol der moralischen Unterstützung. Aber den Staat Kroatien, der sich anerkennen ließe, gibt es de facto noch gar nicht so eindeutig. Und schließlich bedeutet die Anerkennung eines Staates noch lange nicht, daß jene Staaten, die sie aussprechen, irgendeine Garantenstellung für den neuen Staat, gar irgendwelche Schutz- und Bündnispflichten übernehmen. Schließlich haben die Deutschen, worauf sie jetzt auch noch mit Nachdruck verweisen, die baltischen Staaten schon 1921 anerkannt, ohne seit 1945 etwas Konkretes für sie zu tun – und tun zu können; im Gegenteil haben sie noch im vorigen Herbst mit der Sowjetunion einen Vertrag unterzeichnet, in dem sie Moskau den damaligen Gebietsbestand garantierten, inklusive Baltikum.

Die gegenwärtig immer noch laufenden Vermittlungsbemühungen und der Auftakt zur Haager Friedenskonferenz mögen merkwürdig und mühsam wirken. Aber kein Vermittler kann mehr ausrichten, als der gemeinsame Nenner der Vernunft aller Streitparteien zuläßt. Wäre es anders, hätte man keinen Schlichter, sondern einen Richter vor sich. Der brauchte dann allerdings auch ein Schwert.

Was Wunder, daß auf der Ebene des gehobenen Stammtisches bereits über militärische Interventionen nachgedacht wird, über europäische Grünhelme und Friedenstruppen. Hier gilt es freilich eine scharfe Unterscheidung zu treffen. Wohl läßt sich ein Waffenstillstand oder ein Frieden überwachen, wenn die kriegführenden Parteien ihn denn tatsächlich geschlossen haben – und wenn sie allesamt mit der Überwachung einverstanden sind. Aber mit militärischen Mitteln von außen den Frieden erst einmal erzwingen, das scheitert in aller Regel, das muß vor allem scheitern im Falle Jugoslawiens angesichts der verworrenen Struktur des politischen, ökonomischen, ethnischen und religiösen Konflikts sowie angesichts des absolut unübersichtlichen Frontverlaufs auf allen diesen Feldern.