Ein militärisches Eingreifen von außen würde den südslawischen Konflikt nur verschärfen und ausweiten. Die Albaner im Kosovo stünden als nächste auf, falls sie die Serben in einer geschwächten Position sähen. Die Bulgaren und Griechen würden Appetit auf Mazedonien entwickeln, die Ungarn an ihre "Landsleute" in der Vojvodina denken.

Ganz abgesehen davon, sind die Truppen der Europäer für den gedachten massiven Konflikt an der klaren Frontlinie des Kalten Krieges gerüstet und ausgebildet worden, mithin für das Zurückweisen eines massiven Angriffs aufs eigene Territorium, nicht aber für einen Partisanenkrieg im Streusiedlungsgebiet der kroatischen Serben. Von der Frage der Nato-Beschränkung gar nicht zu reden – schließlich liegt Jugoslawien eindeutig out of area: jenseits des Vertragsgebietes.

Bedenklich ist diese unterschwellige Diskussion nicht so sehr aus militärischer Sicht; dazu ist sie zu absurd. Problematisch ist vielmehr die Rolle, die in solchen Planspielen den Europäern subkutan zugedacht wird: Eine Amerikanisierung des EG-Europa – soll das die Perspektive sein? Neben dem Weltpolizisten ein Halbweltpolizist? Welche Ordnung eigentlich sollte dieser Polizist den Streitparteien in Jugoslawien auferlegen? Und was, wenn es nicht bei Jugoslawien bleibt, wenn ähnliche Konflikte anderswo im östlichen Feld der KSZE auftreten? Droht dann nicht jene Selbstüberschätzung aus politischem Missionsdrang, die Amerika so oft der Kritik der Europäer ausgesetzt hat – nur daß den Europäern erst recht die Mittel fehlen?

Anders als 1914

In utopischer Perspektive läßt sich davon reden, ob nicht die KSZE eines fernen Tages die Machtmittel in die Hand bekommen muß, ihre politischen Prinzipien im gemeinsamen europäischen Haus auch durchzusetzen. Aber bevor es dazu kommt, müßte sie zu einer wirklichen politischen Gemeinschaft werden, die dann über eine gewisse innere Polizeigewalt verfügt. Innere politische Ordnungsprinzipien lassen sich jedoch nicht mit den militärischen Instrumenten äußerer Gewalt kultivieren.

Wenn heute – anders als 1914 – kein Sarajewo droht, dann nicht zuletzt deshalb, weil fremde Mächte nicht in die südslawischen Wirren verwickelt sind. Bei allen politischen Vermittlungsbemühungen sollte dieser militärische Abstand unbedingt erhalten bleiben. Es mag kaltherzig klingen, entspricht aber dem geschichtlich geprüften Realismus: Nicht jeder Konflikt läßt sich von Dritten vernünftig auflösen. Wer sich, und sei es aus noch so hochherzigen Erwägungen, unter das Diktat der gegenteiligen Illusion setzt, kann schnell im Chaos landen.

Europas wesentliches Interesse ist es, ein Übergreifen des südslawischen Konfliktes zu verhindern – Eindämmung also mit den Mitteln des politischen und ökonomischen Drucks und im Notfall militärische Gegenwehr. Mehr kann die Gemeinschaft nur tun, wenn die Konfliktparteien selber Vernunft annehmen.