Ein Tagebuch zunächst. Beobachtungen auf dem Bau. Um 6.55 Uhr beginnt’s. Umziehen, Arbeitskleidung anlegen. Auf der Hälfte des Buchs ist es früher Nachmittag, halb drei. Der Tagesablauf wird festgehalten, der Arbeitsrhythmus. Dazwischen Erinnerungen. Von Kollegen und Bekannten. Und Erzählungen des B. So etwas wie ein Gesprächsprotokoll.

B. ist der Namenlose, der allmählich Kontur erhält durch das Mosaik. Die Annäherung an einen, den alle nur als B. kennengelernt haben. Ein Einsamer. Ohne Frau. Lange Zeit wohnt er in möblierten Firmenzimmern. Daß er früh sterben wird, erfährt man bereits auf der zweiten Seite.

Ein Leben wird erzählt. Kindheit, Jugend. Mit sieben ist B. Vollwaise. Wird im Internat großgezogen, irgendwo in der DDR. "Viele kamen auf den homosexuellen Geschmack", heißt es. Liebe? Sex vor allem. Und der Terror des Heimleiters. Zur Lieblosigkeit gedrillt. Zur Leblosigkeit erzogen. Einmal erhielt B. ein Lob für eine sauber geputzte Pfanne.

Dann macht so einer rüber. Setzt sich in den Zug – und ab. Über die "grüne Grenze", so nannte man das, ehe die Mauer stand. Das klappte. Ein Glück für einen Moment. Aber dann? "Du bist wirklich auf dem falschen Dampfer!" hatte eine zu ihm gesagt, "warum bist du nur in den Westen gekommen? Hier hast du nichts zu erwarten!"

Hier zählt vor allem Geld. Was kann er da schon groß ausrichten, als Elektriker auf dem Bau? Und immer trifft er Frauen, die bequem leben wollen, seine Arbeit als Makel sehen, die nach einer Zukunft fragen, nach einer Sicherheit. Doch da ist nichts zu erwarten. Ein dolles Banckonto? Ein schnittiger Wagen? Ein Lottogewinn? Ja, in den Träumen. Familie, Eigenheim, Geborgenheit, Wärme? In den Träumen. Die Wirklichkeit bleibt öde. Da kommt nichts mehr, ahnt er eines Tages, ehe es zur Gewißheit wird. Da kommt nichts.

Und er verspinnt sich immer mehr in seine eigene kleine Welt, in der kein Platz ist für andere. Zu verschroben, dieser Einzelgänger. Zu entwurzelt, dieser B., dem das Blut gefriert. Irgendwie immer auf dem falschen Dampfer. Und immer in Angst. Angst, die Arbeit zu verlieren. Angst, daß ihm einer seine kleine Wohnung auseinanderklaut. Angst, sich falsch zu verhalten. Schließlich Schlafstörungen. Das verengte Leben wird zur Krankheit. Psychopharmaka. Abhängigkeit. Verfolgungswahn. Das Glas wird dicker noch und undurchsichtiger: Leben wie unter einer Glocke.

Je länger diese lakonische, unterkühlte, realistisch sezierende Chronik dauert, um so zermürbender wird sie für den Leser. Und das Erstaunliche: Dieses Männerelend hat eine Frau skizziert. Mit all den Sehnsüchten, Bierseligkeiten, Phantasien, Zoten. Herma Kennel wird vom Verlag als ausgebildete Kindergärtnerin, Kinderbuchautorin und Malerin vorgestellt. Daher ihre offenen Sinne für diese erwachsene, verwachsene, verschrobene, schrullige und entsetzlich hilflose Kinderseele?