Der Deutsche Bundestag ist aufgefordert, bis zum 31. Dezember 1992 eine einheitliche Regelung zum Schutz des ungeborenen Lebens und zur Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten zu treffen.

Damit steht eine der schwierigsten Aufgaben an, nämlich einen existentiellen menschlichen Konflikt, ein ethisches Dilemma, gesetzlich zu regeln. In dieser heftigen Diskussion, die zuallererst die Frau im Schwangerschaftskonflikt betrifft, die Frau im Konflikt mit dem Leben des sich im Mutterleib entwickelnden Kindes, wird nach dem "richtigen Weg" gesucht, ungeborenes Leben wirksamer zu schützen. Das betrifft sowohl die Bewertung wie die Bewältigung des Schwangerschaftskonfliktes, das Verständnis der Frau und ihrer Verantwortung sowie Entscheidung in einer solchen für Dritte oft schwer nachvollziehbaren Konfliktsituation.

Was muß geschehen, um den existentiellen Konflikt zwischen zwei Leben besser zu bewältigen als bisher? Meine Überzeugung ist es — und sie liegt dem Vorschlag meines "Dritten Weges" zugrunde —, daß wir erheblich mehr Hilfe leisten können, als wir es bisher getan haben. Meine Überzeugung ist jedoch auch, daß unserem Bemühen um wirksameren Lebensschutz und einer besseren Konfliktbewältigung Grenzen gesetzt sind. Es gibt ausweglose, verzweifelte Situationen, existentielle Konflikte, die weit über materielle, soziale Notlagen hinausgehen und die mit den Mitteln des Strafrechts nicht zu bewältigen sind. Gerade der Schwangerschaftskonflikt macht uns die oft tragische Verkettung von Verantwortung und Schuld in aller Schärfe deutlich. Denn jeder Abbruch einer Schwangerschaft bedeutet Tötung menschlichen Lebens, und die seelischen Konflikte der Frauen — vorher und nachher — bleiben oft nach außen unsichtbar.

Der Konflikt hat sich verschärft durch unser wissenschaftlich vertieftes und erweitertes Wissen über den Beginn und die Entwicklung vorgeburtlichen Lebens. Das früher Unsichtbare kann heute sichtbar gemacht werden. Erkenntnisse über vorgeburtliches Schmerzempfinden schlagen sich nieder in der Auseinandersetzung um die vertretbaren Fristen für den Schwangerschaftsabbruch. Auch hier steht außer Frage: Jede gesetzte Frist ist eine Entscheidung in einem Konflikt, in dem unvereinbare Anforderungen gegeneinanderstehen. Wissend, daß wir uns im Rahmen der anstehenden Gesetzgebung um bessere Regelungen bemühen, aber den Konflikt hier nur bedingt lögabe, diesem Konflikt durch ein bestmögliches Angebot an Beratung und rechtlich gesicherten, sozialen Hilfen wirksam zu begegnen. Werden wir dieser Verpflichtung nicht gerecht, stellt sich die Frage, mit welchem moralischen Anspruch, mit welcher Glaubwürdigkeit wir von den Frauen im Konflikt das Ja erwarten und verlangen können.

Wenn es Konsens ist, daß wir das Leben wirksamer schützen müssen, dann erfordert das ein geschärfteres Bewußtsein für Wert und Würde des menschlichen Lebens, materielle und ideelle Hilfen und ein kinderfreundliches Klima.

Ziel muß sein, die Konfliktlagen für die Frauen entscheidend zu reduzieren. Diffamierung und Kriminalisierung betroffener Frauen zu vermeiden und die Hilfen für das Leben in das Zentrum aller Maßnahmen zum Schutz des Lebens zu rücken. Ich gehe davon aus, daß sowohl die Fristenregelung als auch die Indikationenregelung unter einem Grundfehler leiden: Beide gehen — auf ihre Weise — bei der Behandlung des Problems zunächst von der strafrechtlichen Dimension aus. Die Indikationenregelung verlangt die Strafandrohung, die Fristenregelung schließt sie aus. Auf diese Weise erliegen beide gedanklichen Ansätze der Gefahr, die Sichtweise auf die strafrechtliche Dimension zu verengen. Das "Dritte" an dem von mir vorgeschlagenen "Dritten Weg" ist der vom Grundsatz her andere Angang an die rechtliche Regelung von Schwangerschaftskonfliktlagen. Die Wirkung des ethischen Korrektivs unserer Handlungen — des Gewissens — ist im Fall des Schwangerschaftskonfliktes zu sehr unterschätzt worden. Eben weil diese ganz besondere Beziehung zwischen Frau und ungeborenem Kind besteht, müssen wir uns auch in der Gesetzgebung stärker der Gewissensfrage zuwenden und dem Gewissensentscheid der Frau einen anderen Rang einräumen und für eine bessere Gewissensbildung Sorge tragen. Dies schließt Strafrecht nicht aus, bedingt es aber auch nicht.

Der vor kurzem verstorbene Franz Böckle sagt in diesem Zusammenhang zu Recht, daß eine sinnvolle Kooperation von Sittengesetz — also Gewissensentscheid — und Strafgesetz vor allem dort notwendig ist, wo ein Wert von der Preisgabe bedroht ist. Für alle Fällle, in denen jedoch offenkundig ist, daß eine Entscheidung in Verantwortung gar nicht gesucht wird — und dies ist offensichtlich, wo Rat und Hilfe abgelehnt werden —, muß das Strafrecht greifen. Das bedeutet doch, daß unser erster und wichtigster Bezugspunkt das Gewissen und nicht zuerst das Strafrecht ist.