Das griechische Königspaar kam nach Deutschland – und weckte unbestimmte Sehnsüchte

Als ich zwei Tage nach der Welfen-Hochzeit auf der Straße Hannover-Göttingen einen Arbeiter, es mag auch ein Bauer gewesen sein, fragte, ob dies die richtige Abzweigung zur Marienburg sei, sagte er: "Ja, fahren Sie nur dort den Berg herauf, und wenn Sie sich beeilen, dann können Sie auch noch die Friederike sehen." – "Ist die denn so sehenswert?" fragte ich neugierig. – "Na die, die ist ganz prima", war seine Antwort. Als ich dann kurz darauf dem König und der Königin von Griechenland gegenübersaß, verstand ich plötzlich, warum bei der Hochzeit die Hannoveraner mit großer Ausdauer immer wieder "Friederike, Friederike" riefen.

Eigentlich nennt man das, wozu ich gekommen war, wohl ein Interview. Aber sehr bald war das Frage-und-Antwort-Spiel vergessen, und als das Gespräch auf Schulfragen kam, gerieten die beiden so in Eifer und erzählten so natürlich und lebendig von ihrem Lande und ihren Bemühungen, daß ohne jedes Zutun sehr bald ein farbiges Bild entstand.

"Sie müssen bedenken", sagte die Königin, "daß die Kinder in Griechenland seit zehn Jahren überhaupt keinen Unterricht mehr gehabt haben. Fast alle Schulen waren zerstört, und die wenigen, die übriggeblieben sind, wurden für andere Zwecke gebraucht. Und Griechenland ist arm; es dauert sehr lange, das Land wiederaufzubauen. Mein Mann aber ist der Meinung, daß die Erziehung der Kinder und die Ausbildung der Jugend wichtiger ist als alles andere, und so ist es uns im vorigen Jahr gelungen, 360 Schulen neu herzustellen. Ah, das ist ein Anblick, wenn man jetzt durch das Land fährt und sieht diese neuen Gebäude in den Dörfern und kleinen Städten! Es sind keine Paläste, aber eigentlich sind es doch die schönsten Häuser überall." Und die junge Königin strahlte, so wie wohl nur die Augen ihrer preußischen Vorfahren aufleuchteten, wenn sie an ihre Garnisonen und Regimenter dachten.

"Wie steht es denn mit der sogenannten Umschulung der Kommunisten?" fragte ich, auf das Problem lenkend, von dem ich wußte, daß es ausschließlich auf Grund der Initiative des Königspaars in Angriff genommen war. "Wir haben damit schon vor der endgültigen Niederwerfung der Kommunisten begonnen", antwortete die Königin. "Wenn Sie das einmal gesehen hätten, diese Gefangenenlager, in denen junge Kommunisten von 15 bis 19 Jahren hinter Stacheldraht eingepfercht waren. Kinder, die gezwungen worden sind, ihr bisheriges Leben mit Morden und Rauben zuzubringen, die nie lachten, keine Spiele mehr kannten, noch nie in ihrem Leben gesungen hatten und deren Ausdruck mehr dem böser Tiere als dem eines Menschen glich – wenn man das gesehen hat, dann sagte man sich, was ihnen fehlt, ist menschliche Nähe und Wärme."

"Und da haben wir auf der Insel Leros", so fuhr die Königin fort, "ganz einfache Siedlungen und Lehrstätten eingerichtet, wo Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr, die sich freiwillig in den Gefangenenlagern meldeten, in völliger Freiheit leben können." – "Das Schöne ist", fiel König Paul ein, "daß die Bewohner der Insel alle mit Feuereifer und ohne jedes Entgelt mitwirken. Auch sie empfinden, daß man bei diesen Menschen nicht eine Doktrin mit einer neuen Doktrin austreiben kann..."

Ich mußte plötzlich an 1945/46 denken, an die vielen Pläne und Ideen, die damals jeder in Deutschland hatte, als man meinte, das Leben müsse ganz anders werden, weil es doch nicht einfach so weitergehen könne, als sei nichts geschehen. Was hatte man damals alles erwartet, und was ist daraus geworden? Ist nicht alles wieder in den alten Trott zurückgefallen? Ist nicht das einzige Ideal, das die meisten Menschen bei uns heute noch kennen: soviel wie möglich zu restaurieren? – Fast könnte man diese Griechen beneiden um ihr Königspaar, das so schlicht und selbstverständlich zupackt und den Mut hat, es anders zu machen als bisher, das Wagnis eingeht, in einem neuen Geist wiederaufzubauen ...