Sag niemals, daß du Jude bist!" flüsterte meine Mutter eindringlich an meinem ersten Schultag. Ich klammerte mich an meine Schultüte. Mit sechs Jahren wußte ich natürlich noch nicht, was es damit in Deutschland auf sich hatte: Jude zu sein.

Einige Jahre später saßen wir jungen Juden, während andere Schulkameraden mit ihren Mopeds durch die Straßen tuckerten, im Mehrzwecksaal der jüdischen Gemeinde. In diesem heruntergekommenen Souterrain fand einmal in der Woche unser Religionsunterricht statt, hier wurde nach dem Sabbat Gottesdienst ein kleiner Imbiß gereicht: eine magere Hälfte eines halbierten Herings, ein bißchen Barches (Sabbat Brot) und süßer Carmel Likörwein. Uns Jugendlichen standen eine Stereoanlage, ein Billardtisch und eine Laienbühne zur Verfügung, die zu meiner Zeit nur eine Aufführung erlebt hat. Ein verschlossener Rollschrank bewahrte die Bibliothek. Hier saßen wir unsere Freizeit ab. Wir hörten die Stranglers, Patti Smith und langweilten uns zu Tode.

Jedes Jahr nach Jom Kippur entbrannte bei einem der Erwachsenen (nach dem Fasten waren sie alle entschlackt und geläutert) die Furcht, das Judentum könnte auf ewig aussterben. Und so versuchten die Erwachsenen das, was sie wußten, an die Jugend weiterzugeben. Eines Tages deklarierten sie den schummerigen Kellerraum zum "Jüdischen Jugendzentrum". Zum Auftakt gab es ein Fest. Es ging, wie alle unsere Partys, in die Hose. Wie gewöhnlich kamen kaum Mädchen. Die wenigen, die erschienen waren, vergraulten wir mühelos mit unserem pubertären Charme. Die Aktivitäten des "Jugendzentrums" reduzierten sich zunächst auf Fußball, wobei wir kaum auf acht bis neun Jungs kamen. Und: Gegen wen sollten wir eigentlich spielen?! Das scherte unsere ständig wechselnden Jugendzentrumsleiter wenig. Sie nannten uns schlicht Fußballklub Makkabi und kümmerten sich ansonsten einen Dreck um das lustlose Herumgekicke.

Die besorgten Erwachsenen versuchten dann unter großer Anstrengung, ein kulturelles Programm zusammenzuzimmern. Es gab aber auch Diskussionen über den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und die Massenvernichtung. Diese Gespräche führten uns immer wieder vor Augen: Wir lebten im Feindesland. So schlitterten wir in eine Paranoia, die unser kindlicher Größenwahn mittrug. Wenn wir auf berühmte Juden zu sprechen kamen, tauchte ein verschwörerisches "Wir" auf. Marx, Freud, Einstein — warum nicht ich?! Über Antisemitismus wunderten wir uns. Hatten die Antisemiten nicht mitbekommen, daß geradezu wundervolle Leistungen auf humanen und geistigen Gebieten vollbracht hatten? Damals wünschten wir uns nur, möglichst eilig erwachsen zu werden, um so bald wie möglich das Erbe des auserwählten Volkes anzutreten.

Geri wollte Arzt werden, der natürlich in Israel praktizieren würde. Joe arbeitete unermüdlich an seiner Elvis Imitationsnummer. Michael war das mathematische Genie in unserem Kreis. Ari wollte den Imbißladen der Eltern abbauen und Stein für Stein in Tel Aviv wieder zusammensetzen. Ich wollte Schriftsteller werden. Auf jeden Fall mußte auch meine Berufswahl ganz klar zu erkennen geben, wie ebenbürtig ich mich meiner berühmten jüdischen Vorfahren erweisen würde. Am Ende unserer beruflichen Hochflüge landeten wir meistens in der Hähnchenbude, die Joes Eltern gehörte, und stopften uns mit Hamburgern voll. Unser wöchentliches Erscheinen zum SabbatGottesdienst wirkte sich zufällig positiv auf unsere Religionsnote aus. Wenige Jahre später erschienen an den Sabbat Abenden Besuche der Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit und verschiedener Schulklassen. Die Art, wie man uns beim Beten zusah, war uns unangenehm. Andererseits fiel an diesen Abenden das Sabbat Essen gehobener aus. In einem festlichen Raum wurden gefillte Fisch mit Barches und gehäckelte Eier mit Pepsi Cola gereicht. Unentwegt faszinierten uns die Mädchen. Schön, blond und begehrenswert. Wir waren uns im klaren, daß sie niemals uns gehören sollten. Was nützte uns das schönste Mädchen, wenn die Holde nichtim jüdischen Glauben verankert war?

Das Judentum war der einsame Nabel unseres Geistes. Auf dem Gebiet der Malerei fiel uns mit Müh und Not noch Chagall ein. Wir befaßten uns nicht mit Literatur, und doch hatte jeder einzelne Leon Uris "Exodus" und Ephraim Kishon im Regal. Selbst der Kinobesuch erschien nur zu Woody Allen Filmen reizvoll. Ansonsten pflegten wir das Studium unserer Feinde. Die Deutschen (welch umfassender Begriff!) nahmen sich jedoch nicht länger wie würdige Feinde aus. Beflissen bemühten sie sich um Dialog. So verhielt sich kein Feind. Ein Feind wünscht kein Gespräch. Ein Feind besitzt feste Ansichten, von denen er unter keinen Umständen abrückt. Ein Feind ist unnachgiebig. Ein Feind muß so sein wie wir.

Um zur wahren Feindschaft vorzudringen, sprachen wir über die Gefahren des Rechtsradikalismus, und, wenn sich das Thema allzu rasch erschöpfte, über Palästinenser. So besaßen wir ein nicht enden wollendes Reservoir an Feinden, die uns ans Leder zu wollen schienen. Konzentriertes Gemeinschaftsgefühl stärkten wir in den Somrnerund Winterferienlagern, die eine Art von Paranoia- und Separationsmaschinerien waren. Es gab koschere Kost, wobei das Geschirr streng in "milchig" und "fleischig" eingeteilt wurde. Wir trällerten ungebrochen jüdische Lieder, spielten jüdische Gesellschaftsspiele, tanzten unermüdlich hopsend jüdische Volkstänze zu jüdischer Musik und suchten uns in den drei, vier Wochen Ferien jüdische Freundinnen, mit denen wir gingen. Es stand fest, daß wir hier am einfachsten unsere jüdische Ehefrau finden, die unsere jüdischen Kinder gebären würden, auf daß das Judentum niemals aussterbe.