Die Umwandlung der Sowjetunion in eine dezentralisierte Marktwirtschaft beginnt mit einer herben Enttäuschung: Das zerfallende Reich kann seine Auslandsschulden nicht mehr bezahlen. Die sowjetische Außenhandelsbank, bei der heute noch alle Verbindlichkeiten zusammenlaufen, hält eine Umschuldung für unausweichlich, falls die westlichen Gläubiger keine neuen Kredite gewähren. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper pflichtet bei: Der Westen solle einen Überbrückungskredit von vier bis fünf Milliarden Dollar aufbringen, damit es nicht zur offenen Schuldenkrise komme.

Was aber geschieht, wenn kein frisches Geld fließt und die Sowjetunion dann tatsächlich ihre Zahlungen einstellt und eine Umschuldung beantragt? Eine Katastrophe wäre das nicht. Ein solcher Schritt hat jeweils zur Folge, daß der Schuldner seinen guten Namen einbüßt, eben "keinen Kredit mehr hat". Den aber hat die Sowjetunion ohnehin nicht mehr. Seit geraumer Zeit schon hat ihr keine Bank mehr Geld geliehen, wenn nicht der eigene Staat das Risiko übernahm.

Den Banken geht es schlicht darum, die Zahlungsströme aus dem Osten nicht abreißen zu lassen. Dazu soll der Überbrückungskredit dienen. Die deutschen Kreditinstitute sind viel stärker exponiert als ihre ausländischen Konkurrenten: Auf sie entfällt fast die Hälfte der gesamten internationalen Bankenforderungen an die Sowjetunion. Deshalb möchten gerade die Deutschen es nicht dazu kommen lassen, daß der jetzige Zahlungsengpaß von den Nachfolgern der Sowjets zu einer Umschuldungsaktion genutzt wird. Dadurch könnte nämlich deren Schuldenlast verringert werden – zu Lasten der Banken.

Den deutschen Kreditgebern schwant Übles: Waren sie noch während des Putschversuches sicher, daß eine konservative Junta ihren Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern im Westen nachkommen würde, sind sie von der Zahlungsmoral der Demokraten keineswegs überzeugt. Der Verdacht ist aufgekommen, daß die Erben des Sowjetreiches vielleicht nicht nur illiquide, sondern schlicht zahlungsunwillig sind. Die einzelnen Republiken haben bislang noch keine Anstalten gemacht, einen Teil der aufgehäuften Schuldenlast zu übernehmen. Und die Außenhandelsbank wird von 1991 an nicht mehr als Garantiegeberin für die Verbindlichkeiten wirken, ohne daß die Republiken in die Bresche springen. Mangelnder wirtschaftlicher Sachverstand führt zu einer unberechenbaren Wirtschaftspolitik. Daran ist auch der Westen nicht ganz unschuldig, denn er hat es an systematischer Beratung und Unterstützung fehlen lassen.

Schon warnt Bonns Finanzstaatssekretär Horst Köhler unisono mit Hilmar Kopper, die Republiken dürften sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Nur wer Altschulden honoriere, habe Anspruch auf Hilfe. In aller Eile wollen sich nun die Finanzexperten der Siebenergruppe, also der größten Industriestaaten der Welt, am Wochenende in Dresden mit der sowjetischen Schuldenkrise beschäftigen. Einmal mehr wird die Bundesrepublik versuchen, die übrigen Länder in die Verantwortung zu nehmen. Doch da diese viel weniger von einem sowjetischen Schuldenmoratorium betroffen wären, dürfte auch weiterhin deren Bereitschaft gering sein, Zahlungsbeistand zu leisten. Vor allem den Amerikanern gefällt eine andere Art von internationaler Arbeitsteilung besser: Washington liefert durch private Berater die Rezepte für den radikalen Umbau in Osteuropa, die Westeuropäer und speziell die Bundesrepublik tragen die finanziellen Konsequenzen.

Am Beispiel Polen hat sich gezeigt, daß der von amerikanischen Ökonomen empfohlene Systemwandel durch einen marktwirtschaftlichen Urknall nicht umsonst zu haben ist, auch nicht für den Westen: Polen wurde ein Schuldenerlaß in einem Umfang zugesagt, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hatte. Der Außenhandel des Landes ist immer noch in der Schieflage, Finanzspritzen aus dem Ausland sind weiterhin unerläßlich.

Mit einer Mischung aus marktwirtschaftlicher Euphorie und Unkenntnis wollen nun auch manche russische Politiker den radikalen Wandel vorantreiben. Premierminister Iwan Silajew, der das Wirtschaftskomitee des Landes leitet, möchte im kommenden Jahr den Rubel konvertibel machen. Jedermann soll dann sein Geld zum Marktkurs in eine der internationalen Reservewährungen wie Dollar oder Mark umtauschen können. Was sich wie eine finanztechnische Marginalie anhört, ist in Wirklichkeit eine Veränderung, die das Land vollends aus der Bahn werfen könnte.