Löhne

Nichts scheut ein Unternehmer mehr als zusätzliche Kosten. Allenfalls ist er bereit, sie als steuerminderndes Übel anzusehen. Aber es gibt Ausnahmen. Einem mittelständischen Unternehmer aus dem ostwestfälischen Löhne – Hersteller von Schaltgeräten – war es genau 15 569,03 Mark wert, einen seiner Mitarbeiter vor die Tür setzen zu können. Diesen Betrag kostete jedoch nicht etwa die Abfindung, sondern das Honorar für die beiden Detektive, die er auf seinen Werkzeugmacher ansetzte, um ihn als Aktiven im "Volkssport Krankfeiern" (Spiegel) zu überführen. Des weiteren enthält dieser Krimi aus dem deutschen Arbeitsalltag: eine lädierte Bandscheibe, ein paar Säcke Fliesenkleber und eine Wohnzimmerkommode.

Die Geschichte beginnt am 9. Oktober vergangenen Jahres, einem Dienstag. Der 47jährige Wolf H. klagt an diesem Tag über "Rückenschmerzen, die bis in die Beine gingen". Für die Diagnose hätte es nicht des Hausarztes bedurft, denn schon seit längerem hat der Facharbeiter Last mit seiner Bandscheibe. Der Arzt verpaßt ihm zwei Spritzen und schickt ihn mit einem Krankenschein bis zum Ende der Woche nach Hause. "Normalerweise schreibe ich Patienten dann mindestens eine Woche krank. Aber Herr H. bat mich um eine kürzere Zeit, weil doch sein Umzug bevorstand", erinnert sich der Mediziner. Ob Wolf H. wohl eine Vorahnung hatte?

Dem ersten Arztbesuch folgen sechs weitere, bei denen der Hausarzt die Arbeitsunfähigkeit jedes Mal um ein paar Tage verlängert und gleichzeitig Bäder und Medikamente verordnet. Am 26. Oktober stellt er zwar "eine erhebliche Verbesserung der Beweglichkeit" fest, schreibt seinen Patienten aber noch einmal krank: gleich zwei Wochen auf einen Schlag.

Das klingt zunächst alles glaubwürdig in den Ohren des Chefs, weiß er doch um das chronische Bandscheibenleiden seines Mitarbeiters. Dann jedoch kursieren Gerüchte im Betrieb, der Kollege sei zumindest so gesund, daß er letzte Hand an sein funkelnagelneues Eigenheim legen könne. Nun alarmiert, engagiert der Geschäftsinhaber zwei Detektive, die rasch zeigen, daß sie ihr Geld wert sind. Verschanzt im Unterholz einer Nebenstraße, schießen sie ganze Photoserien von Herrn H. Und erwischen ihn in flagranti: Mal bearbeitet er eine Stunde lang Holzbretter, mal schleppt er vierzehn schwere Fliesengebinde samt Fliesenkleber, mal schafft er Fliesenscherben gleich schubkarrenweise weg. Last not least ertappen sie den kranken Wolf H. noch dabei, wie er während des Umzugs bei der eichenen Kommode mit Hand anlegt.

Der daraufhin von der AOK Herford bestellte Vertrauensarzt bestätigt die Diagnose des Hausarztes zwar, verkürzt aber die Zeit der Arbeitsunfähigkeit um ein paar Tage. Am 5. November steht Wolf H. wieder an seiner Fräsmaschine – zum letzten Mal, denn tags drauf erhält er die fristlose Kündigung.

Für den Fabrikanten ist der Fall klar. Der Mitarbeiter habe sich "pflichtwidrig" verhalten, weil er entweder die Krankheit nur simuliert oder durch die offensichtliche Plackerei den Genesungsprozeß verzögert habe. Obendrein verlange er die Detektivgebühren und die Lohnfortzahlung – zusammen gut 19 000 Mark – retour.