Von Yang Lian

Wie lange ist es nun schon her, daß du das Wort "zu Hause" nicht mehr gebraucht hast? Denn wenn du von jenem schiefen, wackligen Haus sprichst, dann sagst du immer nur "da". Du sagst auch nicht mehr, daß du nach Hause gehst, denn schließlich, "nach Hause", was kann dir das noch bedeuten? Du gehst immer nur weg, ohne anzuhalten, immer weiter, in die Ferne. Und jeden Morgen wachst du auf – immer noch ein Stück weiter weg. Wie schmelzendes Metall glänzt das Meer hier unter dem Licht der Sonne. Am gegenüberliegenden Ufer die Silhouette des Berges, wie Asche und doch blau; schon bald wirst du ihn nicht mehr sehen können.

Du willst sprechen, und es wird dir zur schwierigsten aller Tätigkeiten. Hast du schon einmal versucht, den Aufstieg durch das dunkle Treppenhaus vom Erdgeschoß in den ersten Stock zu beschreiben? Jeden Schritt, jeden einzelnen kleinen Moment? Das Tasten, bis die Zehen die erste Stufe gefunden haben, dann weitere fünfzehn, eine Kehre und noch einmal sieben Stufen auf der zweiten Treppe. Zwar sagst du diese Worte, aber sie klingen hart, Umrisse ohne Inhalt. Wie das schwarze, morsche Geländer, die Nägel unter dem zerrissenen Teppich, die zwei Plastikeimer, und der Fleck auf dem Fußboden, wo es durchgeregnet hat. Die Lampe ist immer kaputt, aber das macht nichts, du hast deinen Tastsinn, kannst dich mit den Fußsohlen langsam vorwärts tasten. Nur sprechen, das kannst du nicht, denn dann brauchtest du sie, jene Worte, ohne die es keine Sprache gibt. Mit ihren kleinen Sägeblättern haben sie dir erst die Äste, dann die Blätter abgesägt, so daß du nun nur noch ein Klotz Holz mit dem weißlichen Schimmer von Knochen bist. Und jeden Tag wird es dir aufs neue bewußt: Jede Stufe mußt du im Exil erst austasten und sie dann erklimmen. Und wenn du auch nur einmal ins Leere trittst, kann die ganze Welt über dir zusammenstürzen, und ihr Gewicht wird auf deinem Körper lasten.

Über jede Stufe dieses Hauses könntest du einen Aufsatz schreiben; über die beiden Stockwerke dann ein großartiges Epos über das Exil, in dem die ganze Menschheit sich befindet; nur mit dir, mit dir hätte all das nichts mehr zu tun.

Du erzählst, daß du auf der Flucht bist. In der fremden Stadt fliehst du von einer Kreuzung zur anderen, zwischen all diesen Straßennamen, die du nicht lesen kannst und die dir nichts bedeuten. Was macht es für einen Unterschied, ob du ein Buch mit tausend Seiten liest oder nur ein und dieselbe Seite tausendmal wieder liest? Wenn du im Exil nicht einer vorgezeichneten Fußspur folgen kannst, erstarrst du an jedem Punkt erneut in Unbeweglichkeit. Und das schmerzt dich mehr, als wenn du einfach stehengeblieben wärst. Lebendig begraben, unterwirfst du dich der täglichen Routine des Alltags. Du bist wie deine Gedichte – eine der Leere gewidmete Lüge. Wie lange ist es nun schon her, seit die Worte wie der Lack vergangener Jahre erst spröde geworden und dann abgeplatzt und heruntergefallen sind? Erst seit du mit dem Sprechen aufgehört hast, kannst du ihre furchterregenden Geräusche deutlich vernehmen – und wieder hast du einen Tag gelebt.

Gelebt – nur um lebendig zu sein. Gelebt – doch dieses Leben, wozu? So schön sind die See und die Wolken hier, und doch dreht sich das Meer hektisch über deinem Kopf und unter deinen Füßen und wäscht sich, ohne daß du es zu fassen bekämst, durch dein Gehirn. So hast du gelernt, in den Himmel zu schauen, einen ganzen Vormittag lang die fließenden Formen dort oben zu beobachten. Dein Haus ist hoch genug, hoch genug, um dir nichts vorzumachen.

Als ein Ertrunkener liegst du auf dem Grund des Meeres, ein gesunkenes Schiff, ein Skelett, tausendfach durchlöchert. Die Zeit nach dem Tod, nichts als Schwere, die absolute Leere, die Sprache von den Menschen zu Grabe getragen. Der Himmel lastet auf dem Meer, mit großen, unbarmherzigen Schritten treten die Wolken dich nieder, zermalmen dich.