Schon wieder und wie oft wohl noch, das Trauerthema KZ. Diesmal wird aber nur nachgetragen und vorausgeblickt. Die Konzentrationslager "Großdeutschlands" von 1943 bis 1945 sind schwarz auf weiß in einen Lageplan eingestrichelt worden. Da findet man die Hauptlager, eine zu kleine Auswahl der Neben- und Außenlager, die Vernichtungslager und die Zuchthäuser mit Hinrichtungsstätten. Zu einer gründlichen Auflistung der Haupt-, Außen- und Nebenlager, Polizeigefängnisse und Zuchthäuser im Osten und Westen "Kleindeutschlands" indes hat es noch nicht gereicht. In den berüchtigten Hauptlagern finden regelmäßig Gedenkstunden mit Reden statt. Über die Neben- und Außenlager, wo Leichen sogar in Spatenlöcher gestopft wurden, weil Regen und Matsch fürs Einsinken sorgen würden, verdeckt Schweigen die Unkenntnis.

Wer weiß denn schon von diesen Lagern, und diejenigen, die es wissen, vermissen wenigstens Gedenktafeln an irgendeiner Stelle. Aber wo sollten sie hin? Auf den blutgetränkten Holperstrecken stehen inzwischen Autohäuser, Lagerhallen, Fabriken und Selbstbedienungsläden; Reihenhäuser genießen die Randlagen, und Schulen sind auch in der Nähe. Und werden zufällig vergammelte Knochen gefunden, Schlachterläden gibt es da ja auch. Aber das Gedächtnis für Massenleid und Todesfolter kommt langsam in die Jahre, und neues, eher beschreibbares Elend wälzt sich darüber.

Die weltbekannten Gedenkstätten reizen im allgemeinen höchstens noch zu Wochenendausflügen im üblichen Stau. Bald jedoch wird man jeden Quadratmeter Boden wie einen winzigen Garten pflegen müssen. Immer mehr Bürger suchen ausreichenden Platz zum Leben, und unter der Erde werden aus Platzmangel mit befristeter Liegezeit Särge aufeinandergetürmt. Auch Autos finden kaum noch Parkplätze, und alle Tiefgaragen sind überfüllt. Sollte es letzten Endes keinen Platz mehr für neue Friedhöfe geben, könnte man die ehemaligen KZ-Hauptlager an ihren äußersten Rändern mit Gräbern für jedermann belegen. Die Parkplätze im Umkreis werden zu Ruhestätten umfunktioniert, und Trauergäste pilgern zu Fuß zu den Ihren, von Abgasen verschont und der ordnungsmäßigen Andacht und Stille verpflichtet.