Erfolgreich experimentieren die Stadtväter von Wenzhou mit neuen ökonomischen Modellen

Von Lukas Schwarzacher

Müßig lehnt Li Jun am Tresen und schlürft langsam seinen Tee. Die Tage als Geschäftsmann nehmen den 33jährigen, schlanken Shanghaier mit, wie er in der Bar "Meilidu" an der Wuma-Straße zugibt. "Den ganzen Tag in der Fabrik sein, um die Arbeiter zu kontrollieren, macht nicht wirklich Spaß." Die Mühe lohnt dennoch. Li ist reich, sehr reich sogar für chinesische Verhältnisse. Denn zwei Schuhfabriken in Wenzhou, die ihm zusammen mit drei Freunden gehören, liefern Ware, die er in Shanghai und anderen Großstädten des Landes verkauft. Ein halbes Jahr verbringt Li in der südchinesischen Stadt Wenzhou, die übrigen sechs Monate bleibt er in Shanghai oder reist in andere Landesteile.

Wie Tausende anderer Jungunternehmer aus ganz China ist Li vor vier Jahren nach Wenzhou gekommen, um sein Geschäft aufzubauen. Abends trifft man sich im "Meilidu", wo Mr. Wang, Ende fünfzig und ebenfalls aus Shanghai, für chinesische Schnäpse, dann und wann einen teuren Whiskey und dank luftig bekleideter Hostessen für einen Hauch erotischer Unterhaltung sorgt. Vor zwei Jahren eröffnete Wang das "Meilidu". Der üppige Goldring samt falschem Rubin an seiner linken Hand, vergoldete Zähne und der teure Designerrahmen seiner Brille signalisieren gute Geschäfte. Er macht 80 000 bis 90 000 Yuan Umsatz im Monat, das sind umgerechnet rund 30 000 Mark, von denen gerade 1000 Mark als Miete an die Stadtregierung bezahlt werden müssen. Mr. Wang: "Ich kann mich nicht beklagen."

Nicht nur Mr. Wang ist mit den Umständen in Wenzhou zufrieden. Die Kunden des "Meilidu" zählen zu jenen Unternehmern, die aus der Stadt im Süden der Provinz Zhejiang Chinas wohl erfolgreichstes Paradies des neu entdeckten Kapitalismus gemacht haben. Und das geschah ohne nennenswerte Unterstützung der Zentralregierung in Peking, die ihre Milliarden für oft weniger erfolgreiche Projekte in Shanghai, Guangzhou (Kanton) oder in den Wirtschaftssonderzonen wie Shenzhen und Zhuhai in der Nähe Hongkongs ausgibt. Pekings Beitrag zu Wenzhous Erfolg: zwei geschlossene Augen für urkapitalistische Zustände.

Von der ökonomischen Krisenstimmung, die andere Teile Chinas seit zwei Jahren gepackt hat, ist in Wenzhou nichts zu merken. Fast die gesamte Stadt, in der einschließlich des umliegenden Landkreises 6,7 Millionen Menschen leben, ist in ein einziges Einkaufszentrum verwandelt worden, das sich auf die wohlhabenden Kunden der Volksrepublik verlassen kann. Wo vor drei Jahren noch Mondlandschaften das Stadtbild bestimmten, stehen heute Warenhäuser mit den ersten Rolltreppen Wenzhous und futuristisch gestalteten Interieurs. Das Angebot läßt sogar die bekannten Läden entlang Shanghais Kurfürstendamm Nanjing-lu verblassen.

Bis in die frühen Morgenstunden sind Verkaufsstände geöffnet, die alles von köstlich zubereiteten Meeresfrüchten über Stereoanlagen bis zu Baumwollhemden der Marke Montagut – made in Paris – anbieten, die aus den unzähligen Hinterhoffabriken der Stadt und umliegender Dörfer stammen. Die Kunst der Friseurläden von Wenzhou ist inzwischen landesweit bekannt. Mädchen und Frauen der Stadt stellen sie zur Schau: hochtoupierte Haare, in die dann und wann Goldtand oder -staub eingewirkt wird. Man zeigt gerne, was man hat und wieviel man ausgeben kann.

Ungebremster Elan

Selbst die beeindruckenden neuen Wohnbauten, die alte Stadtteile in erschreckendem Tempo ersetzen, sind so ausgelegt, daß mindestens die ersten drei Stockwerke für Geschäfte freigehalten werden. Die Wohnungen darüber, komplett mit halbrundem Balkon, sind zum Verkauf ausgeschrieben: Kostenpunkt 350 bis 700 Mark pro Quadratmeter. Die meisten der noch im Bau befindlichen Einheiten haben schon längst Käufer gefunden. Denn die neuen Millionäre von Wenzhou leben gerne elegant.

"Im Ausland ist der falsche Eindruck entstanden, China hätte seinen Reformkurs ganz aufgegeben", meint Cai Yanjiong mit verschmitztem Lächeln. "Hier bei uns in Wenzhou läuft das Reformprogramm weiter." Cai leitet das Wirtschaftsplanungsbüro der Stadtregierung und verweist nicht ohne Stolz auf die Erfolge vergangener Jahre: In Wenzhou sind nur 11,6 Prozent aller Betriebe staatlich – 1988 waren es noch 17 Prozent. Private und kollektive Unternehmen dominieren und sorgen für eine Dynamik, mit der Staatsbetriebe nicht mitkommen.

"Die Krise zwischen 1988 und 1990 haben wir kaum gespürt, da unsere Preise vom Markt und nicht von uns bestimmt werden. Da kommt es zum automatischen Ausgleich", verweist Cai auf die Marktwirtschaft, die sich in Wenzhou entwickeln konnte. "Wir hier kümmern uns wenig um die Sorgen der Zentrale in Peking. Uns geht es um Wenzhou, und was wir hier machen, ist erlaubt. Sozialismus mit chinesischen Merkmalen sozusagen."

Die Toleranz Pekings gegenüber den eigenwilligen und geldorientierten Bürgern Wenzhous hat ermöglicht, was in anderen Landesteilen noch Stoff halb verbotener Träume bleiben muß und selbst im reformhungrigen Osteuropa nur stellenweise gewagt wird. Auch der ideologische Gegenangriff der Zentralplaner und Stalinisten im Gefolge des Tiananmen-Massakers konnte den Elan Wenzhous nicht bremsen. Die wichtigen Gremien der Stadtregierung sind von denselben Kadern besetzt wie vor drei Jahren. Säuberungen hat es offenbar nicht gegeben.

Dafür wurde weiter mit allen möglichen ökonomischen Modellen experimentiert. Das erfolgreichste davon ist eine Vorstufe zur Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich mit Rücksicht auf das offiziell noch immer sozialistische Umfeld Kollektive Kooperationsgesellschaft nennt. Seit 1985 erlaubt, werden heute in Wenzhou über 15 000 Betriebe – etwa zehn Prozent aller Unternehmen – auf diese Weise geführt. Mehr als 500 davon erwirtschaften immerhin schon einen Jahresumsatz von jeweils fünf bis sieben Millionen Mark. Sie sorgen für 33 Prozent der gesamten Produktion und haben in den ersten vier Monaten des Jahres ein Wachstum von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum schlechten Vorjahr erwirtschaftet. Je nach Produktsparte werden sie durchschnittlich mit rund 40 Prozent besteuert.

Euphorische Stimmung

Die legale Grundlage für diese Form des Besitzes wurde alleine von der Stadtregierung festgelegt – und ist in Peking nicht einmal registriert worden. Daher entziehen sie sich auch der Kontrolle durch die Zentralregierung. Das Grundkapital muß von mindestens drei gleichberechtigten Partnern eingezahlt werden. Diese müssen sich verpflichten, mindestens fünfzig Prozent des Profits nach Steuern als Investitionen in den Betrieb zurückfließen zu lassen. Weitere fünfzehn Prozent sollen allen Mitarbeitern als Beteiligungsbonus ausbezahlt werden, und zehn Prozent gehen in eine Sammelkasse für Sozialleistungen an die Arbeiter und Angestellte des Unternehmens. Die übrigen 25 Prozent des Profits können die Aktionäre behalten.

Über 2000 der 15 000 Kollektivgesellschaften sind im Dienstleistungsbereich tätig – so auch der einzige richtige Pfandverleiher in ganz China. Von den Kommunisten war das uralte Gewerbe nach ihrem Sieg 1949 als schändliches Relikt aus ausbeuterischen Zeiten verboten, Wenzhou hat es zur Erweiterung der Kreditmöglichkeiten wieder eingeführt. Die beiden Exjuweliere Jin Yangzong und Li Kelin trieben Ende 1988 zusammen mit drei Freunden 70 580 Mark Kapital auf, das sie durch weitere 140 000 Mark von Kreditgenossenschaften und Banken aufgestockt haben.

Da kein Gesetz das Pfandgeschäft reguliert, kam die Stadtregierung mit einer Lizenz und ad hoc festgelegten Geschäftsbedingungen zur Hilfe. "In einer Wirtschaft, die sich erst in einem frühen Entwicklungsstadium mit schwachen Banken befindet, sind Pfandverleiher wichtige Quellen für raschen Kredit", erklärt Jin die wichtige Rolle seines Ladens. Bis zu 35 000 Mark Sofortkredit bieten Jin und Li Bürgern mit Personalausweis, die mindestens achtzehn Jahre alt sein müssen. Drei Prozent Zinsen pro Monat werden berechnet, die maximale Laufzeit beträgt drei Monate. An durchschnittlich 250 Kunden verleiht der Laden jährlich gut zwei Millionen Mark.

Die Vorteile privater Produktionsmethoden versetzen auch Sun Chengkan in euphorische Stimmung. Und das, obwohl Sun Mitglied des ständigen Ausschusses des Stadtkomitees Wenzhou der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) ist. "In nur sechs Jahren haben wir diese Gegend von ein paar mageren Reisfeldern in die dynamischste Wirtschaftszone der Provinz Zhejiang verwandelt", behauptet er stolz im Verwaltungsbüro der Technologischen und Wirtschaftlichen Entwicklungszone Wenzhou (TWEW), die östlich der eigentlichen Stadt im Bezirk Lungwan angesiedelt ist.

Was einst 61 Quadratkilometer Felder und Dörfer waren, wurde unter der Leitung Suns und seiner Berater eine Wirtschaftssonderzone, die einst vor allem der Exportindustrie zur Verfügung gestellt werden sollte. Heute sind vierzig wichtige Unternehmen in der TWEW angesiedelt, davon siebzehn mit ausländischem Kapitalanteil – vor allem aus Hong Kong und Taiwan, aber auch aus Frankreich, den Vereinigten Staaten und Italien. Weitere 1200 kollektive Gesellschaften und mehr als 1000 Privatunternehmen sorgen für ein Bruttosozialprodukt der TWEW in Höhe von 105 Millionen Mark und Steuereinnahmen von knapp 8 Millionen Mark im vergangenen Jahr. Das ist beinahe zehnmal soviel wie 1984. Staatliche Betriebe sind in der TWEW nicht angesiedelt. Was die kostspielige Finanzierung defizitärer, öffentlicher Unternehmen erspart.

Im Vergleich zu den offiziellen Zollfreizonen im Süden Chinas ist die TWEW – noch – ein mickriger Zwerg. Dafür wurde sie ohne nennenswerte Kapitalspritzen der Zentralregierung aufgebaut. "Die brauchen wir nicht", sagt Sun. "Wir bauen uns das hier selber." Stetig steigende Steuereinnahmen ermöglichen neue Investitionen in Kooperation mit der Stadtregierung. Eine neue Hafenanlage wurde errichtet, an der Frachter mit bis zu 20 000 Bruttotonnen laden können.

Der vor einem Jahr eröffnete Flughafen von Wenzhou wurde ebenfalls zu mehr als neunzig Prozent mit eigenen Mitteln errichtet und bietet heute wöchentlich an die fünfzig stets voll ausgebuchte Direktflüge in zwölf Städte Chinas – mit den üblichen Verspätungen. Wenzhous wohlhabende Familien nutzen die neue Verkehrsverbindung der einst dank katastrophaler Verkehrslage isolierten Stadt weidlich aus: Wochenendausflüge der Familie zum Einkaufen in Shanghai sind der letzte Schrei.

Bankrotte Staatsbetriebe

Das Modell Wenzhou, das sich ohne weiteres Zutun der Bürokraten und Planer in Peking so erfolgreich entwickelt hat, sorgt endlich auch für Aufmerksamkeit unter den Führungskreisen des Landes. Sun und Cai berichten nicht ohne Stolz, daß KP-Politbüromitglieder Li Ruihuan und Quiao Shi erst im April Wenzhou besucht hätten, fast geheim und ausschließlich, um sich die Vorzüge des hier entwickelten Sozialismus mit chinesischen Merkmalen präsentieren zu lassen. Selbst der Privatsekretär des Premier Li Peng erschien im Büro Suns und erkundigte sich nach den Erfolgen der verbliebenen Staatsunternehmen. Die Antwort konnte nur negativ ausfallen.

"Erst wenn wir das Problem der Staatsbetriebe gelöst haben werden, wird sich China rascher entwickeln", bemerkt Cai. Selbst in Wenzhou beanspruchen die wenigen staatlichen Firmen einen beachtlichen Teil des Finanzhaushaltes; nur dieser Zuschuß bewahrt sie vor der Pleite. Im vergangenen Jahr finanzierte Peking rund achtzig Milliarden Mark Notkredite für de facto bankrotte Staatsbetriebe im ganzen Land, um nicht mit Millionen von Arbeitslosen konfrontiert zu werden. Cai und seine Kollegen sind fest entschlossen, diesem Problem mit dem für Wenzhou typischen Pragmatismus ohne viel Rücksichten auf kommunistische Theorien zu Leibe zu rücken.

"Wenzhou ist kein Guangzhou und auch kein Shanghai. Dafür ist alles hier lockerer. Und wer weiß, vielleicht wird es bald so wie Taiwan", sagt Li Jun und trinkt sein Teeglas leer. Cai, Sun und Mr. Wang in seiner Bar denken ähnlich, auch wenn sie bis jetzt noch immer offiziell unter dem Banner des Kommunismus experimentieren.