Ungebremster Elan

Selbst die beeindruckenden neuen Wohnbauten, die alte Stadtteile in erschreckendem Tempo ersetzen, sind so ausgelegt, daß mindestens die ersten drei Stockwerke für Geschäfte freigehalten werden. Die Wohnungen darüber, komplett mit halbrundem Balkon, sind zum Verkauf ausgeschrieben: Kostenpunkt 350 bis 700 Mark pro Quadratmeter. Die meisten der noch im Bau befindlichen Einheiten haben schon längst Käufer gefunden. Denn die neuen Millionäre von Wenzhou leben gerne elegant.

"Im Ausland ist der falsche Eindruck entstanden, China hätte seinen Reformkurs ganz aufgegeben", meint Cai Yanjiong mit verschmitztem Lächeln. "Hier bei uns in Wenzhou läuft das Reformprogramm weiter." Cai leitet das Wirtschaftsplanungsbüro der Stadtregierung und verweist nicht ohne Stolz auf die Erfolge vergangener Jahre: In Wenzhou sind nur 11,6 Prozent aller Betriebe staatlich – 1988 waren es noch 17 Prozent. Private und kollektive Unternehmen dominieren und sorgen für eine Dynamik, mit der Staatsbetriebe nicht mitkommen.

"Die Krise zwischen 1988 und 1990 haben wir kaum gespürt, da unsere Preise vom Markt und nicht von uns bestimmt werden. Da kommt es zum automatischen Ausgleich", verweist Cai auf die Marktwirtschaft, die sich in Wenzhou entwickeln konnte. "Wir hier kümmern uns wenig um die Sorgen der Zentrale in Peking. Uns geht es um Wenzhou, und was wir hier machen, ist erlaubt. Sozialismus mit chinesischen Merkmalen sozusagen."

Die Toleranz Pekings gegenüber den eigenwilligen und geldorientierten Bürgern Wenzhous hat ermöglicht, was in anderen Landesteilen noch Stoff halb verbotener Träume bleiben muß und selbst im reformhungrigen Osteuropa nur stellenweise gewagt wird. Auch der ideologische Gegenangriff der Zentralplaner und Stalinisten im Gefolge des Tiananmen-Massakers konnte den Elan Wenzhous nicht bremsen. Die wichtigen Gremien der Stadtregierung sind von denselben Kadern besetzt wie vor drei Jahren. Säuberungen hat es offenbar nicht gegeben.

Dafür wurde weiter mit allen möglichen ökonomischen Modellen experimentiert. Das erfolgreichste davon ist eine Vorstufe zur Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich mit Rücksicht auf das offiziell noch immer sozialistische Umfeld Kollektive Kooperationsgesellschaft nennt. Seit 1985 erlaubt, werden heute in Wenzhou über 15 000 Betriebe – etwa zehn Prozent aller Unternehmen – auf diese Weise geführt. Mehr als 500 davon erwirtschaften immerhin schon einen Jahresumsatz von jeweils fünf bis sieben Millionen Mark. Sie sorgen für 33 Prozent der gesamten Produktion und haben in den ersten vier Monaten des Jahres ein Wachstum von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum schlechten Vorjahr erwirtschaftet. Je nach Produktsparte werden sie durchschnittlich mit rund 40 Prozent besteuert.

Euphorische Stimmung