Bankrotte Staatsbetriebe

Das Modell Wenzhou, das sich ohne weiteres Zutun der Bürokraten und Planer in Peking so erfolgreich entwickelt hat, sorgt endlich auch für Aufmerksamkeit unter den Führungskreisen des Landes. Sun und Cai berichten nicht ohne Stolz, daß KP-Politbüromitglieder Li Ruihuan und Quiao Shi erst im April Wenzhou besucht hätten, fast geheim und ausschließlich, um sich die Vorzüge des hier entwickelten Sozialismus mit chinesischen Merkmalen präsentieren zu lassen. Selbst der Privatsekretär des Premier Li Peng erschien im Büro Suns und erkundigte sich nach den Erfolgen der verbliebenen Staatsunternehmen. Die Antwort konnte nur negativ ausfallen.

"Erst wenn wir das Problem der Staatsbetriebe gelöst haben werden, wird sich China rascher entwickeln", bemerkt Cai. Selbst in Wenzhou beanspruchen die wenigen staatlichen Firmen einen beachtlichen Teil des Finanzhaushaltes; nur dieser Zuschuß bewahrt sie vor der Pleite. Im vergangenen Jahr finanzierte Peking rund achtzig Milliarden Mark Notkredite für de facto bankrotte Staatsbetriebe im ganzen Land, um nicht mit Millionen von Arbeitslosen konfrontiert zu werden. Cai und seine Kollegen sind fest entschlossen, diesem Problem mit dem für Wenzhou typischen Pragmatismus ohne viel Rücksichten auf kommunistische Theorien zu Leibe zu rücken.

"Wenzhou ist kein Guangzhou und auch kein Shanghai. Dafür ist alles hier lockerer. Und wer weiß, vielleicht wird es bald so wie Taiwan", sagt Li Jun und trinkt sein Teeglas leer. Cai, Sun und Mr. Wang in seiner Bar denken ähnlich, auch wenn sie bis jetzt noch immer offiziell unter dem Banner des Kommunismus experimentieren.