Von Wolfgang Zank

Trümmerfrauen, Kohlenklau, Zigarettenwährung, Währungsreform: Das Elend der Nachkriegszeit hat sich tief ins kollektive Bewußtsein der Deutschen eingegraben. Ein Freiburger Historiker hat nun eine Arbeit vorgelegt, in der er sich den Erfahrungen der Menschen in dieser Zeit auf ungewöhnliche Weise nähert:

  • Rainer Gries:

Die Rationen-Gesellschaft

Versorgungskampf und Vergleichsmentalität: Leipzig, München und Köln nach dem Kriege; Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1991; 440 Seiten, 45,– DM

Gries wühlte sich durch Stapel von zeitgenössischen Kalorienstatistiken, Polizeiberichten, Verwaltungsakten und Zeitungsartikeln und liefert ein materialreiches, weitverzweigtes Bild vom Leben in den drei deutschen Großstädten Leipzig, München und Köln. Gries verfolgt den Weg der Lebensmittel vom Acker zum Verbraucher, skizziert den Aufbau der Lebensmittelverwaltungen und zeichnet das Rationensystem nach. Vom Mythos der "nivellierten Notgemeinschaft" bleibt wenig übrig, die Rationensysteme zwangen die Deutschen in hochgradig differenzierte Hierarchien. In allen Zonen des Nachkriegsdeutschland wurden die Frauen grob benachteiligt, denn ihre Arbeit im Haushalt galt als "Nichtarbeit". Gerade in der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Ungleichheit am erbarmungslosesten vorangetrieben.

Viele Menschen in Agrarregionen reagierten mit Entsetzen auf die Vorstellung, Lebensmittel an andere Regionen abzugeben. "Sollen doch die anderen ihre Kohle behalten, und wir behalten unsere Lebensmittel, dann werden wir schon sehen, wer länger aushält", war beispielsweise in Bayern zu hören. Die Bayern hätten keinen Anlaß, "z.B. die Vereinigung mit der französischen Zone zu fördern, weil man schon von vornherein sieht, daß diese Vereinigung eine weitere Verschlechterung der Lebensmittelversorgung für die amerikanische Zone bringen würde ..." Die offiziellen Zuteilungen langten vorne und hinten nicht. Traditionelle Moralvorstellungen kamen zwangsläufig ins Wanken.