Worte und Taten – in der Europäischen Gemeinschaft klaffen sie allzuoft auseinander. Was hat die EG den Reformländern in Mittel- und Osteuropa nicht alles versprochen? Von Beistand und nachbarschaftlicher Fürsorge war die Rede, Kredite und Handelsvorteile wurden zugesagt. Inzwischen jedoch entpuppt sich der spendable Freund mehr und mehr als kleinlicher Egoist.

Zwar bemüht sich Brüssel redlich, im Auftrag der OECD-Länder über dreißig Milliarden Dollar in die Förderung einer postkommunistischen Privatwirtschaft zu kanalisieren. Doch beim eigenen Besitzstand der EG-Mitglieder hört die Großzügigkeit auf. So bremst inzwischen schnöder Eigennutz das Versprechen der Zwölf, mit der Avantgarde des Umbruchs (Polen, Ungarn, Tschechoslowakei) faire Assoziationsabkommen abzuschließen. Weil sich Frankreich um seine Fleischproduzenten und Portugal um seine Kleiderfabriken sorgt, wurden die drei Aspiranten erst einmal abschlägig beschieden. Sie dürfen vorerst nicht mehr Fleisch (beim Rindfleisch entspräche die vorgesehene Quote 0,01 Prozent des EG-Konsums) und Textilien in die Gemeinschaftsländer exportieren.

Auf der Strecke bleibt bei dieser Haltung nicht nur das Vertrauen in die Gemeinschaft. Auch der Glaube an die Marktwirtschaft leidet Schaden, wenn der osteuropäische Export blockiert wird. Mit Almosen allein kann die EG den Nachbarn nicht helfen. Sie müssen auch die Chance zur Selbsthilfe gewinnen. D. B.