lison Lurie erzählt Geschichten, die das Leben nur deshalb nicht schreibt, weil das Leben eben kein amerikanischer Schriftsteller ist. Sie schreibt über Leute, die man sich im Katalog einer Partnerschaftsvermittlung aussuchen kann. Ihr Roman "Nowhere City" ist im Original schon mehr als dreißig Jahre alt. Die späte Veröffentlichung mag sich dadurch erklären, daß sich die Autorin als notorische Chronistin aktueller Neurosen hierzulande jene Aura erworben hat, die den jährlichen Auswurf einer "neuesten Lurie" zwingend erscheinen läßt.

Die "neueste Lurie" also spielt im Los Angeles der späten fünfziger Jahre, lange bevor bekiffte Blumenkinder vom ewigen Sonnenschein Südkaliforniens sangen. Das von der Ostküste neu zugezogene Ehepaar Cattleman ("Paul ist so extravertiert", "Katherine hatte Kopfschmerzen") kämpft mit Anpassungsschwierigkeiten. Der muntere Paul kompensiert dieselben mit einer existentialistischen Kellnerin: Ceci trägt schwarze Kleider vom Flohmarkt und hat für die damaligen Verhältnisse ungeheuer ausgeflippte Freunde, die Paul zum Marihuanagenuß verleiten.

Die verklemmte Kathy (Kopfweh!) leidet nicht nur unter Pauls Eskapaden, bis ein Psychiater ("eine famose Sache, das Unterbewußtsein") sich ihrer erbarmt – auf dem Teppich, originellerweise, nicht auf der Couch. Der spitzbärtige Dr. Isidore ("Iz") Einsam gehört ebenfalls zu einer Minderheit: der jüdischen; seine Ehefrau zu einer anderen: Hollywood. Sie trägt am liebsten Rosa, weil das so schön zu ihrem Namen (Glory Green) und ihrer Haarfarbe (blond) paßt, und hat als ständigen Begleiter das Frauenidol Rory Gunn (Minderheit: schwul).

Alison Luries immer geradeaus ratternde Schreibmaschine (nicht mit einer spitzen Feder zu verwechseln) duldet keine Abweichung vom Unterhaltungsmuster, so daß alles kommt, wie man’s von der ersten Seite an erwarten durfte: Die Beatniks sind trotz ihrer pittoresken Weltanschauung mit ganz und gar bürgerlichen Schwächen behaftet. Das Starlet trägt, entgegen allem Anschein, ein Herz so treu wie Gold in der wohlgeformten Brust. Die frigide Ehefrau brauchte nur den richtigen Schubs, um das zu tun, was man gemeinhin "sich zu einer emanzipierten, lebensbejahenden jungen Frau entwickeln" nennt. Und der experimentierfreudige Ehemann ist am Ende der Gelackmeierte.

Anno 60, als zahllose seither zu gedruckter Unterhaltungsliteratur verarbeitete Wälder noch standen, muß solch heitere Vielfalt menschlichen Seins wesentlich amüsanter gewirkt haben als heute. Es empfiehlt sich, dieses Buch als Zeitdokument zu lesen: Als solches ist es sogar ganz witzig.

Katharina Döbler

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