Von H. H. Bräutigam

Der Freitod als heroische Impulshandlung, als letzter Weg aus einer verzweifelten Situation, findet mehr in Romanen als in der Wirklichkeit statt. Der mit kühlem Kopf geplante "Bilanzselbstmord" nach Spielverlusten im Kasino oder die mit sicherer Hand zur Ehrenrettung an die Schläfe geführte Pistole gehören wohl eher einer verklärten Vergangenheit an, die so nicht stattgefunden hat. Heute suchen wir meist vergebens nach erhebenden Motiven für den freiwilligen, fast verlegenen Abschied aus dem Leben, den viele alte Menschen unter uns glauben wählen zu müssen.

Der häufige Freitod alter Menschen war das wichtigste Thema der "16. Internationalen Tagung der Deutschen Gesellschaft zur Suizidprävention", die kürzlich in Hamburg stattgefunden hat. Da wurde beispielsweise diskutiert, ob sie manchmal das Opfer des von Reimer Gronemeyer beobachteten "gnadenlosen Bürgerkrieges zwischen Alten und Jungen" seien, der aus den brüchig gewordenen Familienstrukturen emporzüngelt.

Wie viele diesem Konflikt in jedem Altersjahrgang zum Opfer fallen, wissen die Wissenschaftler nicht genau. Nicht jeder Freitod, beispielsweise bei chronisch Kranken, wird als solcher erkannt. Der Anteil der ganz eindeutigen, als Selbstmord auch mitgeteilten Todesfälle bei alten Menschen ist mit eins auf tausend rund achtmal so häufig wie bei jungen Menschen. Die gesamte Selbstmordhäufigkeit in der Bundesrepublik beträgt über alle Altersjahrgänge 16 auf 100 000. Sie scheint, entgegen allen Spekulationen über die angeblich stark gestiegene Zahl der Freitode nach der Vereinigung in der ehemaligen DDR, konstant geblieben zu sein. Ungeachtet der etwas unsicheren Zahlen hat der Hamburger Selbstmordforscher Claus Wächtler auf der Tagung festgestellt, daß in der Bundesrepublik jährlich über 3000 alte Menschen (nach dem 65. Lebensjahr) ihr Leben durch Suizid beenden.

Ihr "stiller Schrei nach Hilfe" verhallt in der Regel ungehört. Gleichgültigkeit am Tode älterer Menschen, denen wir bisweilen sogar heimlich wünschen, sie hätten endlich ihr Leben hinter sich gebracht, ist häufig die Ursache für diese bedrückende Situation. Vom seltenen Freitod junger Menschen, der allemal eine Nachricht wert ist, zeigen wir uns viel eher erschüttert. Sie hatten ja noch ihr Leben vor sich. Und für den Freitod der Alten finden wir rasch erklärende, gelegentlich auch uns beruhigende Gründe.

Unheilbare Krankheit mit heftigen Schmerzen und dem Fehlen jeder Lebensperspektive gehört ebenso zu diesen Gründen wie geistige Verwirrung. Oft ist dann der Tod nicht nur eine Erlösung für die Hinterbliebenen. Aber wie steht es mit den vielen Vereinsamten, die mit den durch den medizinisch-technischen Fortschritt geschenkten Jahren nichts Richtiges anfangen können? Männer sind von dieser verzweifelten Situation ungefähr viermal häufiger betroffen als Frauen. So manche resolute alte Dame verläßt ihren langjährigen Lebenspartner, um "als Oma die Freiheit zu suchen", wie dies eine Berliner Rechtsanwältin etwas zynisch bemerkte.

Häufig spiegelt die Art der Ausführung die Stärke der Todessehnsucht wider. Jene, die es mit dem Abgang todernst meinen, wählen die sicheren, harten Methoden: Dazu gehören Aufhängen, sich aus großer Höhe in die Tiefe stürzen oder der Sprung vor einen heranrasenden Zug. Bei der Benutzung weicherer, langsamerer Methoden, beispielsweise der Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder der Nichteinnahme lebensnotwendiger Medikamente, hegen Selbstmordforscher Zweifel, ob dahinter überhaupt ein endgültiger Todeswunsch steht. Alte Menschen äußern nach der Erfahrung von René Diekstra, der in der holländischen Stadt Leiden einem Interventionszentrum vorsteht, höchst selten einen Todeswunsch. Daher werden viele Todesfälle im höheren Alter durch die vorangegangene "suizidale Erosion" auch von der Umgebung nicht als Selbstmord erkannt.