Die ostdeutschen Grenzer können die illegalen Händler aus Polen nicht aufhalten

Von Michael Sontheimer

In Bad Muskau, einem vergessenen Städtchen in der nordöstlichsten Ecke Sachsens, markiert die Neiße mehr als die Grenze zwischen zwei Staaten. Auf der polnischen Seite, jenseits der eisernen Brücke, beginnt die Dritte Welt. Entlang schlammigen, von hölzernen Buden gesäumten Wegen hausen Menschen in Zelten und Automobilen. Die überladenen Gefährte tragen polnische, bulgarische, rumänische oder russische Kennzeichen. Aus Kassettenrecordern krächzt arabische Musik. Betrunkene wanken im Halbdunkel einher, Frauen mit verwegenen braunen Gesichtern und voluminösen Röcken sitzen um einen großen Topf mit gräulicher Kuddelsuppe. "Marlboro, Marlboro", preist ein Junge seine Ware an.

Es ist Samstagabend kurz vor Mitternacht. Wieder auf deutscher Seite, fragt ein junger Zöllner besorgt: "Waren Sie drüben auf dem Markt? Das ist lebensgefährlich. Da haben Sie schnell ein Messer im Rücken." Der unscheinbare blonde Grenzer mit Schnurrbart hat eine eigene Rassenlehre entwickelt: "Die Russen gehen noch, die Bulgaren eigentlich auch, aber die Rumänen! Zigeuner, darf man ja nicht mehr sagen, das heißt ja heute Roma und Sinti." Die polnische Polizei ginge nicht mehr in den Basar, erzählt er. "Ist ja heute Demokratie. Deutschen hauen sie mal mit dem Knüppel über den Kopf und liefern sie in Handschellen hier bei uns ab, aber an die Zigeuner trauen sie sich nicht mehr ran."

Bis zu 30 000 Menschen passieren täglich in Bad Muskau die deutsch-polnische Grenze, und viele von ihnen kommen nicht mit den lautersten Absichten. "Der Zigarettenschmuggel steht ganz oben", beschreibt der junge Zöllner die Lage. Bis zu 400 Stangen unversteuerter Glimmstengel förderten er und seine Kollegen immer wieder aus einzelnen Personenwagen zutage, doch der große, organisierte Schmuggel meide die Grenzübergänge. Um mit trockener Kleidung über die Neiße zu kommen, reicht es an manchen Stellen bereits, nur die Schuhe und die Socken auszuziehen. Der Zoll, aber auch der Bundesgrenzschutz fahren zwar Streife, doch für wirksame Patrouillen reichen die Kräfte bei weitem nicht aus. "Die tragen die Zigaretten einfach nachts durch den Fluß."

Besorgniserregende Ausmaße

Nicht, daß er den Schmuggel, der eine Steuerstraftat sei, rechtfertigen wolle, aber verstehen könne er es schon, wenn Polen angesichts der Profitspanne von bis zu zehn Mark pro Stange schwach würden, sagt der Grenzer. "Die verdienen ja vielleicht 200 Mark im Monat, außerdem haben sie schon Millionen von Arbeitslosen." Auch abgewickelte Ostdeutsche seien zunehmend im Ameisentransport kleiner Mengen tätig. Er selbst, klagt er, habe auch noch immer keinen Arbeitsvertrag. Und das Gehalt von 1050 Mark netto fördere die Einsatzbereitschaft in den Nächten auf der Brücke auch nicht über die Maßen. Dem Zöllner leuchtet nicht recht ein, warum westdeutsche Beamte, die ihre neuen ostdeutschen Kollegen beraten oder führen, mehr Aufwandsentschädigung bekommen als er und seine Kollegen Gehalt. "Nee, die Moral ist nicht die beste."