"Mißtrauen und Haß sind zu groß"

Von Dusko Doder

Der Ruhm des Milovan Djilas stützt sich auf eine außergewöhnliche Laufbahn. Im Zweiten Weltkrieg war er ein führender Kommunist und Partisanenheld Jugoslawiens. Er zählte ganze 34 Jahre, als er 1945 zum ersten Mal auskostete, was er "die unvergeßlichen majestätischen und dämonischen Annehmlichkeiten der Macht" nannte. Doch acht Jahre später, als er Marschall Titos Vizepräsident war, kehrte Djilas dem Kommunismus den Rücken. Wegen seiner Schriften wurde er verurteilt und kam in das gleiche Gefängnis, in dem er schon vor dem Krieg eingesessen hatte. Es sind jedoch vor allem seine Bücher, die sein Ansehen begründeten. Das erste – "Die neue Klasse" – schildert im Detail die alles durchdringende tödliche Korruption des Kommunismus und war im Westen ein enormer Erfolg. Eine Reihe anderer Werke folgte, in denen Milovan Djilas den Zusammenbruch des ganzen kommunistischen Gebäudes voraussagte.

Jetzt sind diese Voraussagen eingetroffen. "Ich hatte nicht erwartet, daß es so schnell passiert", sagt Djilas. Der rasche Zerfall seines eigenen Landes bereitet ihm die gleichen Sorgen wie das plötzliche Zerplatzen der Sowjetunion. Den beiden Vielvölkerstaaten ist kein geordneter Übergang zur Demokratie vergönnt. Statt dessen müssen sie sich mit fast unlösbaren Grenzstreitigkeiten im Inneren herumschlagen.

Die sowjetischen Probleme könnten sich auf die internationale Politik verheerend auswirken. "Boris Jelzin mußte die Grenzfragen auf die Tagesordnung setzen", sagt Djilas, "weil es rund dreißig Millionen Russen gibt, die in nichtrussischen Sowjetrepubliken leben. Jede russische Regierung wird gestürzt werden, die an den Interessen dieser Menschen vorbeigeht. Dieses Problem hat bereits eine virulente Abart des Nationalismus hervorgebracht. Wenn es nicht bald gelöst wird, so fürchte ich, werden wir das Entstehen eines russischen Faschismus erleben."

Die Lage in der Sowjetunion und in Jugoslawien hält Milovan Djilas für sehr ähnlich. "Wenn Jelzin nicht bald vernünftige Antworten findet, dann steht zu befürchten, daß die Entwicklung in Rußland in die gleiche Richtung geht wie in Jugoslawien." Dort haben die Grenzstreitigkeiten zwischen den Republiken einen Bürgerkrieg ausgelöst, der von Tag zu Tag an Schärfe gewinnt.

Ironischerweise war es Djilas selber, der nach dem Krieg die Grenze zwischen Serbien und Kroatien festgelegt hatte, den beiden größten Völkern Jugoslawiens, die jetzt praktisch miteinander im Krieg liegen. Als die jugoslawischen Kommunisten 1945 die Macht übernahmen, richteten sie sich bei der Änderung der inneren Verhältnisse des Landes nach dem sowjetischen Vorbild. "Wir folgten dem leninistischen Prinzip", sagt Djilas. "Lenin war besessen von seiner Gegnerschaft gegen den zaristischen Zentralismus, der den ethnischen Minderheiten keinen Auslauf gewährte. Er bestand darauf, daß die größeren Völker ihre eigene Staatlichkeit erhielten. Analog dazu haben auch wir sechs Republiken geschaffen mit eigenen Grenzen, Flaggen und Verfassungen."

Damals war Djilas ein romantischer Kommunist, der noch daran glaubte, daß sich die Welt durch schieren politischen Willen formen und gestalten ließe. Er glaubte, daß er an der Schaffung einer neuen klassenlosen Gesellschaft mitwirkte, bei der Dinge wie Grenzen ohnehin auf die Dauer ihre Bedeutung verlieren würden. Die Macht hatte einen berauschenden Einfluß auf ihn.

"Mißtrauen und Haß sind zu groß"

Im Rückblick erklärte er, daß es unmöglich gewesen sei, in Jugoslawien gerechte Grenzen zu ziehen. Es brach sofort ein Konflikt zwischen serbischen und kroatischen Kommunisten aus – darüber, wo die Grenze zwischen Serbien und Kroatien verlaufen sollte. Dies, so meint Djilas heute, hätte ein Warnsignal sein müssen. Aber er vermochte es nicht zu erkennen, als er zum Vorsitzenden der Kommunisten ernannt wurde, deren Auftrag es war, die serbisch-kroatische Grenze festzulegen.

Die Kroaten, deren mittelalterlicher Staat im Jahre 1102 zusammenbrach, behaupten, daß ihr Gebiet bis Zemun reiche, einer Vorstadt von Belgrad. Die Serben, deren mittelalterliches Königreich drei Jahrhunderte später zusammenbrach, sehen dies ganz anders. Djilas erinnert sich: "Alle historischen Argumente waren schwach, mehr auf Märchen als auf Fakten gestützt. Deswegen wollten wir damals nach dem Prinzip der ethnischen Mehrheiten verfahren. Das Politbüro stimmte dem zu."

Heute ist Djilas achtzig Jahre alt, aber er wirkt frisch und kräftig. Seine Erinnerung ist lebhaft wie eh und je. "Es war eine komplizierte Geschichte. Ich bin nie Nationalist gewesen. Ich halte jeden Nationalisten für einen Krüppel. Aber wir erledigten unseren Auftrag mit großem Fleiß, besuchten viele Dörfer und legten schließlich die Grenzen entlang der Donau bis zu der Stadt Vukovar fest, dann südwärts bis nach Sid und an die Save. Natürlich gab es westlich der Donau um Vukovar serbische Dörfer, aber wir schlugen sie damals Kroatien zu. Auf der anderen Seite lebten ungefähr 180 000 Kroaten in der Gegend von Subotica, tief in Serbien. Uns erschien dies ausgeglichen. Und damals hat auch niemand eine andere Grenze verlangt."

So blieben viele serbische Dörfer innerhalb Kroatiens. Hinzu kamen die Serben, die weit im Westen in der Krajina lebten. Außerdem leben heute rund 140 000 Serben in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. "Ich bin immer noch der Ansicht, daß wir damals richtig gehandelt haben", sagt Djilas heute. "Wir haben uns nach den Fakten gerichtet."

Mit seiner Ansicht über die gegenwärtige Lage hält Milovan Djilas nicht hinter dem Berg: "Ich glaube, daß die Serben in der Krajina und in Slawonien sich wirklich vor der kroatischen Regierung von Präsident Franjo Tudjman fürchten. Aber ich glaube auch, daß Serbien und die Bundesarmee einen Eroberungskrieg gegen Kroatien vom Zaun gebrochen haben. Sie wollen sich ganz einfach ein großes Stück kroatischen Gebiets einverleiben."

Die Protagonisten in diesem Streit – Präsident Tudjman in Kroatien und der serbische Präsident Slobodan Milošević – machen ein ohnehin schwieriges Problem noch stacheliger. Djilas: "Beide reden von historischen und natürlichen Grenzen. Tudjman klammert sich an die gegenwärtigen Grenzen, weil er im Augenblick schwach ist und schon ein großes Stück kroatischen Gebiets verloren hat. Aber er hat selber in aller Öffentlichkeit Ansprüche auf Bosnien und auf Srem – ein Gebiet nordwestlich Belgrads – angemeldet. Umgekehrt will Milošević Serbien bis hin zur Krajina ausdehnen und dabei Ostkroatien und ein Gutteil von Bosnien zu Serbien schlagen."

Einen Ausweg aus der Misere vermag Milovan Djilas nicht zu erkennen: "Kroatien kann nicht ohne Krieg aus dem Bund aussteigen. Im übrigen sind Mißtrauen und Haß so stark, daß der Schutz der ethnischen Minderheiten kaum durch Verträge verbürgt werden kann."

"Mißtrauen und Haß sind zu groß"

Und die Entwicklung in der Sowjetunion? "Rußlands Probleme sind noch größer. Aus strategischen Gründen haben die Russen einen Großteil ihrer Rüstungsindustrie in Mittelasien aufgebaut. Fast die Hälfte der Menschen in Kasachstan sind Russen. Was soll geschehen, wenn die Union zerfällt? Ich bin da nicht optimistisch."

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