Im Rückblick erklärte er, daß es unmöglich gewesen sei, in Jugoslawien gerechte Grenzen zu ziehen. Es brach sofort ein Konflikt zwischen serbischen und kroatischen Kommunisten aus – darüber, wo die Grenze zwischen Serbien und Kroatien verlaufen sollte. Dies, so meint Djilas heute, hätte ein Warnsignal sein müssen. Aber er vermochte es nicht zu erkennen, als er zum Vorsitzenden der Kommunisten ernannt wurde, deren Auftrag es war, die serbisch-kroatische Grenze festzulegen.

Die Kroaten, deren mittelalterlicher Staat im Jahre 1102 zusammenbrach, behaupten, daß ihr Gebiet bis Zemun reiche, einer Vorstadt von Belgrad. Die Serben, deren mittelalterliches Königreich drei Jahrhunderte später zusammenbrach, sehen dies ganz anders. Djilas erinnert sich: "Alle historischen Argumente waren schwach, mehr auf Märchen als auf Fakten gestützt. Deswegen wollten wir damals nach dem Prinzip der ethnischen Mehrheiten verfahren. Das Politbüro stimmte dem zu."

Heute ist Djilas achtzig Jahre alt, aber er wirkt frisch und kräftig. Seine Erinnerung ist lebhaft wie eh und je. "Es war eine komplizierte Geschichte. Ich bin nie Nationalist gewesen. Ich halte jeden Nationalisten für einen Krüppel. Aber wir erledigten unseren Auftrag mit großem Fleiß, besuchten viele Dörfer und legten schließlich die Grenzen entlang der Donau bis zu der Stadt Vukovar fest, dann südwärts bis nach Sid und an die Save. Natürlich gab es westlich der Donau um Vukovar serbische Dörfer, aber wir schlugen sie damals Kroatien zu. Auf der anderen Seite lebten ungefähr 180 000 Kroaten in der Gegend von Subotica, tief in Serbien. Uns erschien dies ausgeglichen. Und damals hat auch niemand eine andere Grenze verlangt."

So blieben viele serbische Dörfer innerhalb Kroatiens. Hinzu kamen die Serben, die weit im Westen in der Krajina lebten. Außerdem leben heute rund 140 000 Serben in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. "Ich bin immer noch der Ansicht, daß wir damals richtig gehandelt haben", sagt Djilas heute. "Wir haben uns nach den Fakten gerichtet."

Mit seiner Ansicht über die gegenwärtige Lage hält Milovan Djilas nicht hinter dem Berg: "Ich glaube, daß die Serben in der Krajina und in Slawonien sich wirklich vor der kroatischen Regierung von Präsident Franjo Tudjman fürchten. Aber ich glaube auch, daß Serbien und die Bundesarmee einen Eroberungskrieg gegen Kroatien vom Zaun gebrochen haben. Sie wollen sich ganz einfach ein großes Stück kroatischen Gebiets einverleiben."

Die Protagonisten in diesem Streit – Präsident Tudjman in Kroatien und der serbische Präsident Slobodan Milošević – machen ein ohnehin schwieriges Problem noch stacheliger. Djilas: "Beide reden von historischen und natürlichen Grenzen. Tudjman klammert sich an die gegenwärtigen Grenzen, weil er im Augenblick schwach ist und schon ein großes Stück kroatischen Gebiets verloren hat. Aber er hat selber in aller Öffentlichkeit Ansprüche auf Bosnien und auf Srem – ein Gebiet nordwestlich Belgrads – angemeldet. Umgekehrt will Milošević Serbien bis hin zur Krajina ausdehnen und dabei Ostkroatien und ein Gutteil von Bosnien zu Serbien schlagen."

Einen Ausweg aus der Misere vermag Milovan Djilas nicht zu erkennen: "Kroatien kann nicht ohne Krieg aus dem Bund aussteigen. Im übrigen sind Mißtrauen und Haß so stark, daß der Schutz der ethnischen Minderheiten kaum durch Verträge verbürgt werden kann."