Vor fünfzig Jahren wurde sie kreiert: Frau Wernicke, eine satirische Sendung der BBC, die bis 1944 ausgestrahlt wurde und sich, trotz aller Verbote, einer wachsenden Hörerschaft in Nazideutschland erfreute.

Schöpfer der Serie war Bruno Adler, ein aus Karlsbad stammender Kunst- und Literaturhistoriker, der 1933 nach Prag und von dort drei Jahre später nach London emigriert war. Eine populäre Stimme verlieh ihr aber erst die Sprecherin Annemarie Hase, ein Star der Berliner Kabarettszene der zwanziger Jahre, die ebenfalls vor den Nazis ins englische Exil geflüchtet war. Sie beherrschte den schnoddrigen Berliner Dialekt, der zum Erkennungszeichen der Frau Gertrud Wernicke aus der Großen Frankfurter Allee wurde.

Mit Mutterwitz und Schnauze räsonierte diese resolute Person über die Nöte des Kriegsalltags, machte sie sich über die Nazigrößen und deren Gerede vom bevorstehenden "Endsiech" lustig. Daß "det dicke Ende" noch kommen, die Verbrechen der SS (Frau Wernicke tauft sie die "Schwarze Schmach") sich eines Tages furchtbar rächen würden – dies suchte sie den deutschen Hörern unermüdlich ins Bewußtsein zu rücken. Mit zunehmender Dauer des Krieges forderte sie immer unverblümter dazu auf, dem Regime den Gehorsam aufzukündigen und Widerstand zu leisten – ein Appell, der leider nur bei den wenigsten "Volksgenossen" auf fruchtbaren Boden fiel.

Aus den 105 Sendungen der Frau Wernicke die im Archiv der BBC erhalten sind, hat Uwe Naumann für diesen Band 44 ausgewählt. Damit wird nicht nur ein Stück Exilliteratur der Vergessenheit entrissen, sondern ein wichtiges Dokument aus dem Ätherkrieg gegen das "Dritte Reich" erstmals wieder der historischen Forschung zugänglich ge-

  • Bruno Adler:

Frau Wernicke

Kommentare einer "Volksjenossin"; herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Uwe Naumann; Persona Verlag, Mannheim 1990; 177 S., 26,– DM macht. Volker Ullrich