Oswald und die anderen

Von Martin Hielscher

Er wächst in der Bronx auf, ein vaterloses Kind mit einer ewig nörgelnden Mutter. Ein dropout, der viel liest und sich ein eindrucksvolles Halbwissen aneignet, dem aber zeitlebens der Ruch der feuchten Kellerwohnungen anhaften wird, das Stigma des ewigen Versagers. Selbst als er aus Uberzeugung, wie er glaubt, in die Sowjetunion geht und sich den Russen anbietet, wissen sie wenig mit ihm anzufangen. Sie weigern sich, ihm die heißersehnte neue Identität anzubieten und ihn als gutausgebildeten KGB-Spion wieder in den Westen zu schicken. Er ist ihnen zu verschwommen: "Die Untersuchungsergebnisse waren da, und nur Lees Urin bekam eine befriedigende Note. Er neigte zu einer gewissen Labilität. Neigte zu sprunghaftem Verhalten Lee hatte nicht das Zeug zu einem Agenten." Und dennoch wird sich sein Name, Lee Harvey Oswald, ins Buch der Geschichte einschreiben.

An diesem Buch der Geschichte schreibt auch Nicholas Branch. Seit fünfzehn Jahren untersucht der hochrangige, pensionierte CIA-Mitarbeiter im Auftrage seiner Organisation die Hintergründe eines politischen Mordes, an dem die CIA offenbar selbst beteiligt war. Eine heikle, schier unlösbare Aufgabe, handelt es sich doch um den Tod von John F. Kennedy.

Nicholas Branch ist die Spiel- und Spiegelfigur, mit der der 1936 geborene und in New York lebende amerikanische Schriftsteller Don DeLillo in seinem Roman "Sieben Sekunden" das Kennedy-Attentat und die Theorien und Spekulationen über Täter und Motive beschreibt.

Immer wieder hat DeLillo in seinen Büchern auf die mysteriösen Umstände der Ermordung Kennedys angespielt. Aber erst sein neunter Roman (Originaltitel: "Libra") beschäftigt sich ausschließlich mit diesem Fall und vor allem mit der Person des Attentäters Oswald.

Der Roman entwirft eine doppelte Chronologie, die er immer wieder kunstvoll bricht und neu verknüpft. Er folgt den wichtigsten Daten des Jahres 1963 und gleichzeitig den Stationen von Oswalds unruhigem Leben, das ihn nach Japan, Minsk, Mexiko City und zuletzt nach Dallas führt.

DeLillo beschreibt Oswald als konturlosen, gedemütigten und deklassierten Einzelgänger, der sich aufgrund seiner sozialen Erfahrungen und der Lektüre politischer Theorie eine Art Privatkommunismus zusammenbastelt. Oswald geht zwei Jahre in die UdSSR, kehrt danach aber enttäuscht nach Amerika zurück und glaubt sich von seiner Ohnmacht und Frustration schließlich nur durch die Schüsse auf den Präsidenten befreien zu können: ein teils politisch motivierter, teils tief gestörter, größenwahnsinniger Attentäter.

Oswald und die anderen

Wann immer es um politische Verbrechen, Skandale, Attentate, um Betrug und Verrat geht, werden zwei Deutungsmuster herbeizitiert: die Verschwörungstheorie auf der einen, die Theorie vom Einzeltäter auf der anderen Seite, vom entfremdeten, verwirrten underdog, dessen Haß und Wahn sich im kaltblütigen Mord oder im selbstmörderischen Amoklauf entladen.

DeLillo verknüpft in seinem Roman beide Deutungsmuster: einerseits die zuletzt auch vom amerikanischen Sonderausschuß für wahrscheinlich gehaltene These, daß es sich bei dem Attentat um eine Verschwörung der CIA und der Mafia gehandelt habe, andererseits die Annahme, daß es dennoch die Tat eines einzelnen gewesen sei, dessen Absichten sich beinahe zufällig mit denen der Verschwörer getroffen haben.

Komplex wie das zwischen Innen- und Außenperspektive schillernde Portrait Lee Harvey Oswalds schildert DeLillo auch die verschiedenen, teils authentischen, teils fiktiven CIA-Verschwörer, Mafia-Gangster und Doppelagenten, die ganz widersprüchliche Strategien verfolgten.

Aus den Reihen der CIA stammen abgehalfterte Reaktionäre, denen die Politik des Präsidenten zu liberal ist, weil er den Schwarzen zu viele Zugeständnisse macht und im Zuge der Kuba-Krise die Rückgewinnung der Insel aufgegeben hat. Die alten Kuba-Kämpfer machen Kennedy für das Desaster der gescheiterten Kuba-Invasion ("Schweinebucht") verantwortlich und wollen das Attentat wie einen Anschlag Castros aussehen lassen. Diese unbelehrbaren Rednecks wollen, daß die Invasion der Insel und der Sturz des Castro-Regimes wieder auf die Tagesordnung der CIA und des Pentagon kommen. Sie haben schon lange nach einem Täter wie Oswald gesucht, ja in ihren Szenarios existierte er schon, bevor er auf der Bühne der Geschichte erschien. Aber auch die linken Doppelagenten haben ein Motiv: Sie wollen Kennedy umgekehrt gerade für seine Kuba-Politik bestrafen. Und der mächtige Mafioso Carmine Latta handelt dagegen aus Rache, weil John F. Kennedy und sein Bruder Bob dem organisierten Verbrechen auf den Leib rücken.

Schließlich könnten ganz allgemein Ressentiments und Haß eine Rolle gespielt haben. Kennedys Glanz, sein Charme, seine amourösen Abenteuer, seine telegene Ausstrahlung und Medienpräsenz mußten die Neider förmlich auf den Platz rufen.

DeLillo kleistert das Dunkel dieses geschichtlichen Augenblicks nicht zu. Seine lakonische, durch Detailgenauigkeit und Aussparungen gekennzeichnete Sprache und seine parataktische Erzählweise schaffen Distanz, so daß die schwarzen Löcher der Geschichte spürbar werden. Schweigen umhüllt seine Figuren wie eine zweite Haut.

Der Roman ist deshalb so bestechend, weil er Lee Harvey Oswald, dessen jammernde Mutter Marguerite, den Oswald-Mörder Jack Ruby, den schwulen, aufgrund einer Krankheit völlig haarlosen CIA-Agenten David Ferrie oder den multinationalen Spion George de Mohrenschildt (eine authentische Gestalt) so konkret und differenziert entwirft, daß man ihre Gedanken und Obsessionen, ihre Träume und Irrtümer so genau zu kennen glaubt wie ihre meist beschädigten, irgendwie geschundenen Körper.

Oswald und die anderen

Man vergißt bei der Lektüre des äußerst spannenden Romans aber nie, daß man mit Nicholas Branch im stillen Kämmerlein sitzt, im "mit Büchern gefüllten Raum, dem Raum der Dokumente, dem Raum der Theorien und Träume", wo der Exgeheimdienstmann seiner letztlich vergeblichen Arbeit der Geschichtsschreibung nachgeht. Denn inmitten der Ereignisse und einer geradezu atemberaubenden totalen Erfassung der Umstände warten bei DeLillo die Leere und das Rätsel, Zweideutigkeiten und Zufälle.

Keine der Theorien über den Kennedy-Mord vermochte bislang alle Einzelheiten schlüssig zu erklären. Der "Warren-Report", in dem sich auch Angaben über die Beschaffenheit von Lee Harvey Oswalds Schamhaaren und über das Zahnschema von Jack Rubys Mutter finden, umfaßt 26 dicke Bände, Tausende von Seiten mit einer Unmenge von Informationen. Aber je mehr Daten aufgehäuft wurden, desto hartnäckiger entzog sich die ganze Wahrheit dem Zugriff.

Und so versucht DeLillos Roman auch nicht, den vielen Erklärungen noch eine scheinbar endgültige hinzuzufügen. Ihn interessiert der Zwang, der in der Paranoia des Attentäters und der Verschwörer ebenso wirkt wie in der Arbeit der Geschichtsschreibung: Alles muß einen Sinn haben, es muß Täter und Opfer geben, eine Erklärung für alles, es muß einen Schuldigen geben und deshalb am Ende auch eine Leiche. Gewalt sorgt für Eindeutigkeit und die zwanghafte Suche nach Eindeutigkeit wiederum für Gewalt.

"All plots lead toward death", lautet der Kernsatz DeLillos: "Alle Verschwörungen tendieren dazu, zum Tode zu führen ... wir rücken dem Tod immer näher, jedesmal, wenn wir uns veschwören. Das ist wie ein Vertrag, den alle unterschreiben müssen, die Verschwörer ebenso wie die, die Ziel der Verschwörung sind." So hieß es schon im "Weißen Rauschen", dem einzigen Roman des Amerikaners, der neben "Sieben Sekunden" auf deutsch vorliegt.

Plot heißt nun aber nicht nur "Komplott", sondern auch "Handlung". In "Sieben Sekunden" läßt DeLillo einen der Verschwörer ausdrücklich über diese Doppeldeutigkeit reflektieren: "Er war davon überzeugt, daß die Idee des Todes zum Wesen jedes Komplotts gehört, ob es nun um die Handlung in der erzählenden Literatur oder um eine Verschwörung bewaffneter Männer geht. Je dichter der Handlungsablauf einer Geschichte, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie auf einen Tod hinausläuft."

Der Tod besiegelt die Effektivität einer Verschwörung ebenso wie die Logik einer Handlung. Er verschafft den Handelnden eine Erfahrung, die ihnen abhanden gekommen ist: Wirkung zu haben, da zu sein, Geschichte zu erleben. Am wenigsten können die Menschen, ob in der Literatur oder im Leben, Komplexität, Chaos, Unübersichtlichkeit ertragen.

Neben dem Zwang zum Sinn, der allgemeinen Paranoia, die sich in den Schüssen der Attentäter wie im Erzählen, in der Geschichtsschreibung wie in allen eingängigen Welterklärungsmodellen außen, beschäftigt DeLillo die Wirkung der Massenmedien. Franklin L. Ford hat in seinem Buch über den "politischen Mord" festgehalten, daß die Zahl der Attentate seit 1950 sprunghaft gestiegen ist. Das ist sicher auch ein Effekt der Medien, des Fernsehens, das die Entfremdung und Passivität der Menschen steigert, aber gleichzeitig Nähe und Unmittelbarkeit suggeriert. Diese trügerische Wirkung schafft vielleicht erst den unerträglichen Widerspruch von Nähe und Ferne zu den Mächtigen, unter dem in DeLillos Deutung auch Oswald leidet und der sich für ihn nur in den beiden Schüssen auf den Präsidenten lösen zu können scheint.

Oswald und die anderen

DeLillos bemerkenswerter, von Hans Hermann solide und einfühlsam übersetzter Roman macht den Medieneffekt in der eigenen Textur deutlich: Das Schweigen zwischen den Wörtern und den Zeilen wirkt wie die Rasterpunkte auf den Photos, wie die Zeilen auf dem Bildschirm, wenn man ganz nahe heranrückt.

  • Don DeLillo:

Sieben Sekunden

Roman; aus dem Amerikanischen von Hans Hermann; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1991; 577 S., 45,– DM